Aktuelle Ausgabe 06/2017

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Talente heben und nicht im Mittelmaß versinken

Acht von zehn Bewerbern um eine Lehrstelle scheitern ungeachtet eines positiven Hauptschulabschlusses bei den Aufnahmetests, die mittlerweile alle großen Unternehmen durchführen. Was ist los mit unseren Jugendlichen?

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Vom einstigen Vorzeigeland in puncto Bildungspolitik und ehemals „Klassenbesten“ sind wir kontinuierlich abgerutscht auf „unteres Mittelmaß“. Eine besorgniserregende Entwicklung, gerade im Hinblick darauf, dass wir uns das zweitteuerste Schulsystems innerhalb der EU leisten. „Österreichs Topschüler und Lehrlinge schneiden bei internationalen Vergleichsbewerben durchaus gut ab“, weiß Andreas Salcher, der mit seinem Bestseller „Der talentierte Schüler und seine Feinde“ die Missstände in der Bildungspolitik schonungslos aufzeigt. „Wir haben kein Problem mit unseren Spitzenschülern, sondern mit den unteren 20 bis 25 Prozent. Unser Bildungssystem ist nicht nur nicht in der Lage, deren meist nachteiliges soziales Umfeld zu kompensieren, sondern es verstärkt die negativen Auswirkungen sogar noch.“

„Das Schulsystem passt nicht mehr zur modernen Arbeitswelt, die sich im Gegensatz zum Ausbildungssektor enorm gewandelt hat“, ist auch die Chefin von Lindlpower, Personalmanagement, Manuela Lindlbauer, überzeugt. „Heute sind Mitarbeiter gefragt, die mitdenken, sich Gedanken über den Ablauf machen und dem Unternehmen in ihrem Bereich Know-how einbringen. Das wird aber an unseren Schulen nicht gelehrt. Auch die Ausbildung nach der Matura hat sich weiter ,verschult’. Hat man früher an der Universität für Lehrgänge, Praktika und Vorlesungsplanung selber sorgen müssen, wird an den FHs oder ähnlichen Ausbildungsstätten im tertiären Bildungsbereich das Programm meist punktgenau vorgegeben, oft per Knopfdruck mit einer einzigen Online-Anmeldung zu buchen, was der Kompetenz für selbstständiges Handeln nicht förderlich ist.“

„Jung, ehrgeizig und gesund findet man im Silicon Valley sicher bessere Chancen vor“, so Salcher. „Daher verwundert es wenig, dass die Österreicher, die derzeit in Stanford oder Berkeley studieren oder bereits bei Apple oder Google arbeiten, eines gemeinsam haben: Sie können sich nicht vorstellen, aus beruflichen Gründen jemals wieder nach Österreich zurückzukommen. Sie beklagen einhellig die Kultur des Jammerns, des Zynismus und die Mentalität des ,Ändern kann man eh nichts’. Leistung werde nicht anerkannt, sondern eher vermiest, es zähle das Mittelmaß nicht die Spitzenleistung. Im Mikrokosmos des Silicon Valleys erlebt man hautnah den gefährlichen Brain Drain der smarten jungen Leute, die Österreich so dringend bräuchte. Spannende Jobs und bestechende Chancen, ihr eigenes Unternehmen zu gründen, locken sie offenbar mehr als die bezahlte Mittagspause und die Mindestsicherung.“

 

Auf die Verteilung kommt es an

Als kritischer Vordenker in Bildungsthemen benennt der Bestsellerautor und Mitbegründer der „Sir Karl Popper Schule“ für besonders begabte Schüler, Andreas Salcher, der auch Initiator der „Waldzell Meetings“ im Stift Melk ist, an dem sieben Nobelpreisträger und der Dalai Lama teilgenommen haben, wesentliche Probleme. „Es mangelt nicht an Geld sondern wir ,verbrennen’ es in jenen Bereichen, die nachweisbar irrelevant für die Qualität eines Schulsystems sind: Erstens ein absurdes Dienst- und Besoldungsrecht, das Lehrer wie Fabrikarbeiter nach absolvierten 50-Minuten-Stunden bezahlt. Zweitens: Wir leisten uns 2000 Klein- und Kleinstschulen, deren Erhaltung mit eigenen Direktoren und Infrastruktur ungemein teuer ist. Drittens: Unsere Schulverwaltung mit einem riesigen Bildungsministerium und neun Landesschulverwaltungen ist ein undurchschaubarer Bürokratiedschungel, der in keiner Relation zu der Größe unseres Landes steht. Bayern mit seinen 12,8 Millionen Einwohnern kommt mit einer Schulverwaltung aus und schneidet bei PISA deutlich besser als Österreich ab.“

Wird in der Öffentlichkeit über Schulreformen diskutiert, dann geht es selten um die Bedürfnisse der Schüler, man diskutiert viel lieber über die Rahmenbedingungen der Lehrer, wobei Belastung und Gehalt der Pädagogen in Österreich die dominierenden Themen sind. „Die besten Schulsysteme der Welt zahlen laut der McKinsey-Studie ihren Lehrern überdurchschnittliche Einstiegsgehälter, aber in der Lebensverdienstsumme weniger als in Österreich. Viel wichtiger als die zumindest wertschätzende Bezahlung von Lehrern ist aber der soziale Status, den die Lehrer in ihrem Land haben. Lehrer darf eben keine resignative Berufswahl sein. Es ist für mich unvorstellbar, dass die Mehrzahl der Lehrer weder über einen modernen Arbeitsplatz noch über einen Computer verfügen und auch kein Recht auf Supervision haben. Lehrer sind für mich Führungskräfte in einem der wichtigsten Zukunftsberufe für unser Land“, meint Salcher.

„Die Lehrer sind an der Misere unseres Bildungssystems nicht schuld, aber sie sind der Schlüsselfaktor. Ein Unternehmen ist immer nur so gut wie die Summe seiner Mitarbeiter. Ein Bildungssystem kann nur so gut sein, wie die Summe seiner Lehrer. Wir müssen Lehrer einem selektiven Auswahlverfahren unterziehen, sie dann ständig weiterbilden, leistungsorientiert bezahlen, die Besten von ihnen sogar mit Gold aufwiegen und die Ungeeigneten kündigen. Dann werden sich auch Menschen angesprochen fühlen, diesen Beruf zu ergreifen, die bisher durch die Leistungsfeindlichkeit des Systems abgeschreckt wurden.“

 

Bildungssystem ist Auslaufmodell

Die österreichische Industrie fordert ein modernes Bildungsmanagement, der ehemalige Finanzminister und Vizekanzler Hannes Androsch kämpft seit Jahren für eine Bildungsreform, die auch ihren Namen verdient, und die heimischen Unternehmen greifen verstärkt zu eigenständigen Maßnahmen, um ihre Mitarbeiter für den Arbeitsmarkt fit zu bekommen. Das sind Zustände, die eines entwickelten westeuropäischen Industrielands auf Dauer unwürdig sind.

„Der Veränderungsdruck ist gewaltig. Jeder zweite Volksschüler in Wien spricht nicht Deutsch als Umgangssprache. Schon bisher kann jedes fünfte Kind nach neun Jahren Pflichtschule nicht sinnerfassend lesen und schreiben. Trotz aller Maßnahmen ist diese Zahl seit 2008 unverändert. 21 Prozent der Schüler verlassen die Schule nach neun Jahren, ohne lesen, schreiben und rechnen zu können, darunter viele Migranten. Wir sind eines der wenigen OECD-Länder, in dem die Kinder der 3. Migrationsgeneration schlechter Deutsch sprechen als die der ersten. Das wird jetzt noch wesentlich dramatischer durch die Flüchtlingskinder. Wir müssen mit allen Mitteln verhindern, dass unser Schulsystem zur Ausbildung von Dynastien von Sozialhilfeempfänger verkommt. Mit öffentlichen Schulen, die nur halbtags geöffnet sind und in denen dafür in Summe vier Monate kein Unterricht stattfindet, einer völlig unzureichenden Lehrerweiterbildung sowie einer demotivierenden Schulkultur für Lehrer und Schüler wird sich dieser Trend weiter verschärfen“, resümiert Salcher.

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