Aktuelle Ausgabe 11/2017

Foto: iStock.com/Paul Bradbury

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Pensionisten gehen die Zahler aus

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Die abgewählte SPÖ-ÖVP-Koalition hat es tunlichst vermieden, sich in den vergangenen
vier Jahren einer grundlegenden Pensionsreform anzunehmen. Alle drei großen im Parlament vertretenen Parteien haben dies auch im Wahlkampf nicht getan und kein Wort über Abänderungen betreffend Beitragshöhe, Bezugsdauer oder Altersgrenze verloren. Ein Versäumnis, das uns früher oder später auf den Kopf fallen wird.

 

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Das österreichische Pensionssystem ist dabei, zu kollabieren. Ein Grund: eine um drei Monate pro Jahr steigende Lebenserwartung. Das wird über kurz oder lang zu einer kaum noch finanzierbaren Belastung für die gesamte Volkswirtschaft werden. Der Staat wird bald doppelt so viel Geld aus dem Budget zuschießen müssen wie heute und in 30 Jahren bereits dreimal so viel. Knapp zehn Milliarden Euro werden schon jetzt aus dem Bundesbudget in das Pensionssystem gepumpt. Die steigenden Zuschüsse werden mit dem Anwachsen der Staatsschulden beglichen, was letzten Endes der Steuerzahler zu berappen hat.

„Auch wenn im Wahlkampf das Thema Pension stiefmütterlich behandelt wurde, wäre es wünschenswert, dass die neue Bundesregierung den Handlungsbedarf erkennt und sich von der Meinung befreit, dass die Pensionen in Österreich ohnehin sicher sind. Betachtet man den demografischen Wandel, darf man nicht länger die Augen verschließen und muss im Sinne der fehlenden Nachhaltigkeit des Systems endlich handeln“, kommentiert Josef Papousek, Geschäftsführer von Mercer in Österreich.

 

Studie stellt Nachhaltigkeit in Frage

Laut „Melbourne Mercer Global Pension Index 2017“ (MMGPI), der vom Beratungsunternehmen Mercer bereits zum neunten Mal in Kooperation mit dem Australian Centre for Financial Studies erstellt wird, lässt das Ergebnis der Nachhaltigkeit und Integrität des heimischen Pensionssystems zu wünschen übrig. Im Vergleich der Altersvorsorgesysteme in 30 ausgesuchten Ländern liegt Österreich auf dem 21. Platz. Spitzenreiter bleibt Dänemark, gefolgt von den Niederlanden und Australien. Die Schlusslichter des Rankings bilden Indien, Japan und Argentinien.

Dabei wurden neben den staatlichen Rentensystemen und der betrieblichen Altersversorgung auch private Anlagen und Vorsorgemaßnahmen berücksichtigt. Dänemark landet im sechsten Jahr in Folge auf dem ersten Rang, wobei die Niederlande nur mit einem hauchdünnen Rückstand dahinterliegen.

Sorgenkind bleibt in Österreich weiter der Bereich Nachhaltigkeit, wo unser Land wie im Jahr 2016 nur den vorletzten Platz vor Italien einnimmt. Insbesondere bei der Finanzierung des Rentensystems gibt es einen unverändert großen Verbesserungsbedarf. „Dem österreichischen System fehlt es im Gegensatz zu Modellen in anderen Ländern, wie zum Beispiel in Schweden, an einer automatischen Anpassung an demografische Entwicklungen – ein Mittel, um für eine größere generationenübergreifende Gerechtigkeit zu sorgen“, so Papousek.

Die Menschen im Ungewissen lassen ist ein Versäumnis. Sowohl ältere als auch jüngere Menschen müssen über die Rahmenbedingen informiert sein, um ihr Leben und ihre Vorsorge dementsprechend zu gestalten. „Japan, Österreich, Italien und Frankreich sind Beispiele für Volkswirtschaften, in denen die Rentensysteme nicht auf einem nachhaltigen Modell basieren, das aktuelle und zukünftige Generationen tragen kann“, erklärt Jacques Goulet, President Health und Wealth bei Mercer. Schuld sind laut Goulets Meinung eine ganze Reihe von Faktoren, darunter „fehlende Rücklagen für die Zukunft, die geringe Zahl von älteren Arbeitnehmern auf dem Arbeitsmarkt sowie ein signifikanter demografischer Wandel“.

„Wir haben Aufwendungen für unser Pensionssystem, die alle Grenzen und Planungen sprengen und die weiter nach oben gehen werden“, kritisiert Wüstenrot-Generaldirektorin Susanne Riess, früher selbst FPÖ-Vizekanzlerin, das Ignorieren des Pensionsthemas vonseiten der Politik. Sie empfiehlt das schwedische Pensionsmodell, wobei sich dort das Pensionsantrittsalter und die Pensionshöhe an der Leistung, die man einbringt, beziehungsweise an der demografischen Entwicklung bemisst. Dazu bedarf es einer starken Säule der privaten Vorsorge. „Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir die Verantwortung für alle diese Dinge dem Staat überführen. Wir müssen die Eigenverantwortung stärken.“ Nach wie vor gehen große Bevölkerungsgruppen, vor dem gesetzlichen Pensionsalter in Pension. „Das System, wie wir es jetzt haben, wird die demografische Entwicklung nicht bewältigen können.“

Lediglich um das Budgetloch zu stopfen, trägt jeder Erwerbstätige 2.300 Euro jährlich zum staatlichen Pensionszuschuss bei, was in Summe etwa zehn Milliarden ausmacht. Pensionszahlungen stellen auch einen der größten Ausgabenposten im Budget dar. „Schon 2012 forderte eine parteiübergreifende Gruppe, darunter der Ex-Grüne Bundespräsident Alexander Van der Bellen, die früheren SP-Finanzminister Hannes Androsch und Andreas Staribacher, ÖVP-Vorstandsmitglied Christoph Leitl sowie Neos-Unterstützer Hans Peter Haselsteiner, eine Pensionsreform nach dem Vorbild jener in Schweden ein“, bekräftigt Michael Christl, Ökonom des Thinktanks Agenda Austria. Die beschwichtigenden Meldungen aus dem Sozialministerium werden von den meisten Wirtschaftsexperten ebenfalls bezweifelt.

 

Generationengerechtes Pensionssystem

Während seit 1970 die Lebenserwartung um knapp elf Jahre gestiegen ist, ist das faktische Pensionsantrittsalter um mehr als vier Jahre gesunken. Mit 60 Jahren und drei Monaten gehen die Österreicher im Schnitt in Pension, was sich von 2016 auf 2017 nicht verändert hat. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung jährlich aber um knapp drei Monate und es kommen immer mehr neue Pensionisten dazu, da sich die Babyboomer aus dem Arbeitsleben zu verabschieden beginnen. Die Tatsache, dass bereits heute auf einen Pensionisten nur mehr 3,3 Erwerbsfähige kommen und sich dieses Verhältnis laufend verschlechtert, ist besorgniserregend.

Die Einnahmen sprudeln zurzeit lediglich wegen der sich leicht erholenden Wirtschaft, worauf der amtierende SPÖ-Sozialminister Stöger pocht, wenn er sich mit einem Defizit von immerhin noch rund zehn Milliarden Euro zufriedengibt und meint, dass „die Pensionen sicher sind“. „Die gegenwärtig steigenden Einzahlungen ins System, auf die Stöger verweist, verkleinern das Problem nicht, sondern vergrößern es mittelfristig“, meint Christl. „Dadurch erwerben die künftigen Pensionisten ja auch höhere Ansprüche. Für jeden Euro, den sie einzahlen, erhalten sie nach den geltenden Regeln dann 1,7 Euro an Pension. Das Problem ist also nur aufgeschoben.“ Auf Dauer könnte diese Diskrepanz nur mit höheren Beiträgen finanziert werden. In Österreichs zahlen Arbeitnehmer bereits jetzt Pensionsbeiträge, die sich international im Spitzenfeld bewegen.

„Ein generationengerechtes Pensionssystem bedeutet eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters, am besten automatisch um zwei Monate pro Jahr, bis es 67 Jahre erreicht. Früher in Rente zu gehen ist auch dann möglich, aber mit Abschlägen. Eine solche Regelung bildet das schwedische Pensionssystem auf möglichst einfache Weise nach und verlangt keine totale Umstellung“, betont Christl.

„Etwas länger zu arbeiten ist der sozialste Weg, das staatliche Pensionssystem abzusichern. Und Österreich stünde damit nicht allein da: Deutschland hebt das Antrittsalter derzeit schrittweise auf 67 Jahre an. Ein halbes Dutzend EU-Länder, darunter Italien und die Niederlande, haben das Antrittsalter an die steigende Lebenserwartung geknüpft. Weitere Staaten haben Pensionshöhe und Lebenserwartung verknüpft. Mit unserem Vorschlag einer automatischen Anhebung des Pensionsantrittsalters bis 67 verliert niemand“, so der Pensionsexperte.

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