Aktuelle Ausgabe: Special Juni 2017

Foto: iStock.com/stocksnapper, Deejpilot (Montage)

Geld & Finanzen










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Nichts wie weg von Industrie 4.0

Foto: voestalpine Stahlwelt

Warum sich ein Hoffnungsträger zu einer Sackgasse entwickeln könnte.

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Jede Stufe der industriellen Revolution hat bisher bedeutende gesellschaftliche Veränderungen nach sich gezogen. Die ursprünglichen Entwicklungen wie die Erfindung der Dampfmaschine, die Elektrifizierung oder die Einführung von streng arbeitsteiligen Prozessen, wie etwa entlang eines Fließbandes, haben sich dabei stets auf die Produktion innerhalb einer Werkshalle bezogen. Die jetzigen Veränderungen wurden mit dem Internet allerdings durch eine Innovation hervorgerufen, die etwas ganz anderes repräsentiert als mechanische Teile, Kabelstränge und eine genau definierte Handgriff-Folge. Die Technologie des Internets ist genau genommen auch eine Antwort auf jene gesellschaftlichen Prozesse, die durch die Industriealisierung überhaupt erst ausgelöst wurden. Sehen wir das Internet als ein verbindendes Medium, als ein Mittel zur Kommunikation und betrachten dabei die Entwicklung der Kommunikationspraxis, dann erkennen wir, dass auch diese bislang extrem stark von der Industrialisierung geprägt war. Erst durch die Industrialisierung und die damit einhergehende Etablierung eines Systems der Fremdversorgung, das heute globale Dimensionen angenommen hat, änderte sich diese Praxis. Mit der Industrialisierung setzte die Massenproduktion ein, welche nun die Arbeit von Massenmedien bzw. Kommunikation notwendig machte, um die Menschen von den entstandenen Produkten zu überzeugen und schließlich zu Kaufhandlungen zu mobilisieren. Denn Produkte, an deren Entstehung wir seit der Industrialisierung nicht mehr gänzlich teilhaben, erscheinen uns als fragwürdig und ziehen einen Erklärungsbedarf nach sich. Kommunikation in Form von Werbung, PR und Marketing wurden notwendig, um Konsumenten zum Kauf von Produkten zu bewegen. Die etwas andere Revolution Mit dem Aufkommen des Internets ergaben sich allerdings völlig neue Möglichkeiten der Kommunikation und Kollaboration, die nunvon der Gesellschaft aus auch auf die Produktionsbedingungen wirken. Was heute in Europa unter dem Label „Industrie 4.0“ gerne diskutiert wird, ist in Wirklichkeit etwas, was nicht bloß von einer bestimmten Technologie getrieben wird, sondern von der Gesellschaft ausgeht. So war es beispielsweise Frithjof Bergmann, der Philosoph und Gründer der New-Work-Bewegung, der schon vor Jahrzehnten das Potenzial dieser Veränderungen erkannte und u.a. versuchte, die Technologie des 3-D-Drucks mit der industriellen Fertigung zu verbinden. Die US-Automobilindustrie hat damals nicht darauf reflektiert und ist beim Modell der Fließbandfertigung geblieben. Zwei Perspektiven Erst jetzt gibt es erste Autos aus dem 3-D-Drucker, ja sogar Häuser, die künftig damit gefertigt werden, und mittels Internet können wir die Anleitungen dafür an jeden Ort der Welt transferieren und in ein Produkt verwandeln. Dass der Vormarsch dieser Anwendungen eher in den USA stattfindet, ist wahrscheinlich kein Zufall. Denn dort ist die Diskussion eine ganz andere. Während wir uns im deutschsprachigen Raum – ganz in der Tradition früherer industrieller Entwicklungen – mit Industrie 4.0 noch immer in einem mechanistisch-technologischen Diskurs bewegen, gibt es in den USA eine völlig andere Diskussion. Diese ist organisch-gesellschaftlich geprägt und denkt unter dem Begriff des „Industrial Internet“ weit über den Tellerrand der Sensorik, der Verkabelungen und Robotik hinaus. Das Internet der Menschen Sie befasst sich mit kollaborativen Prozessen, die nicht von einem Unternehmen ausgehen, sondern von den Bedürfnissen der Kunden. Während wir in Europa aus einem Internet der Menschen unbedingt ein „Internet der Dinge“ machen wollen und annehmen, dass wir komplexe Systeme lediglich über Algorithmen steuern können, denken die Amerikaner weniger über technische Schnittstellen nach, sondern befassen sich mit der Vernetzung intelligenter Produkte, Supply Chains und Produktionsstätten. Industrie 4.0 ist nach wie vor gefangen in der Optimierung von Prozessen, während jenseits des großen Teiches darüber nachgedacht wird, wie man mit dem Internet neue Geschäftsmodelle entwickeln kann und neue Märkte schafft. Wir brauchen uns daher auch nicht wundern, wenn wir in bald regelmäßigen Abständen von disruptiven Innovationen, wie etwa einem iPhone, überrascht werden. Die Besonderheit dieses Produktes bestand ja nicht bloß darin, dass es bessere Features hatte, sondern darin, dass mit dem iPhone auch gleich ein Markt für diverse Apps geschaffen wurde. Ausdruck für den Unterschied unserer Denkweise zu jener der USA ist auch der Umstand, dass bei den Förderinstrumenten für Innovation bei uns immer mehr die vermeintliche Kluft zwischen technologischer und sozialer Innovation betont wird, wobei es aber so ist, dass jede technologische Neuerung nicht abgekoppelt von sozialen Veränderungen geschieht und auch Neuerungen im gesellschaftlichen Bereich oft nur mithilfe neuer Technologien möglich sind. Der Wandlungsprozess Abgesehen von so manchen Überraschungen durch disruptive Innovationen und Geschäftsmodelle wird es nicht ausbleiben, dass sich die Industrie auch in Europa der Herausforderung stellen muss, sich so weit zu verändern, dass sie als solche später vielleicht gar nicht mehr erkennbar ist. Ja, sie wird sich in einer gewissen Art quasi selbst abschaffen müssen, um weiter bestehen zu können. Denn das Potenzial für diesen radikalen Wandel lauert bereits in so gut wie allen Voraussetzungen der Produktion. Reduzieren wir das Internet gemäß der Diskussion rund um Industrie 4.0 lediglich auf eine Art der Infrastruktur, dann gibt es noch Herausforderungen im Bereich der Ressourcen, des Kapitals und der Arbeitskräfte. Der letzte Ölgötze In diesem Zusammenhang spricht der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin auch von der „Dritten Industriellen Revolution“.Während für ihn die erste Phase durch die Dampfmaschine und die zweite Phase durch die Elektrizität eingeleitet wurden, stellt die Energiewende bzw. die Abkehr von fossilen Brennstoffen den Beginn einer dritten Phase dar. Damit passiert allerdings etwas, was mit dem Aufkommen des Internets verglichen werden kann: Nicht nur Information, sondern auch Energie wird nun dezentral erzeugt und in ein Netz eingespeist. Er kommt daher zu dem Schluss, dass dieser Wandel so wie bei den neuen Medien auch dazuführt, dass sich Gesellschaft noch stärker neu konstituiert. Für ihn geht mit dem Ölzeitalter auch das Zeitalter der mächtigen Lobbys, der Hierarchien und großen Konzerne zu Ende. In diesem Sinn kann Donald Trump als einer der letzten Ölgötzen des 21. Jahrhunderts gesehen werden und seine Politik ist lediglich ein Rückzuggefecht, um ein System aufrechtzuerhalten, das genauso ein Verfallsdatum trägt wie die damalige Sowjetunion. Nicht umsonst gehen selbst die Ölkonzerne bereits auf Distanz zu ihm. So wie sich in der Kommunikation ein Netz entwickelt hat, so entsteht aufgrund erneuerbarer Energien nun das Grid, das ebenfalls neue Geschäftsmodelle und neue Märkte hervorbringt. Auch hier verlaufen die Prozesse nicht vertikal, sondern lateral bzw. Seite an Seite. Wie plausibel diese These von Jeremy Rifkin ist, zeigt sich auch daran, dass die US-Amerikaner hier stets mit einem Narrativ, einem verheißungsvollen Storytelling, arbeiten. Während das Internet in den frühen 90er-Jahren mit der Geschichte einer „New Frontier“ eingeläutet wurde, war es beispielsweise Al Gore, der 2006 mit dem Film „Eine unbequeme Wahrheit“ auf die globale Erderwärmung hinwies und mit bewegenden Worten und Bildern die Wende hin zu erneuerbaren Energien forderte. Dezentralisierung der Finanzmärkte Auch wenn der Klimawandel gerade in den USA von der Trump-Administration noch als Humbug abgetan wird, so entwickelt sich dort eine weitere Welle des Vernetzten und Kollaborativen, die noch größtenteils unbemerkt ist, aber ebenfalls weitreichende Auswirkungen auf die Industrie haben wird. Denn ein wichtiger Faktor für Produktion ist auch die Finanzierung. So haben die Wellen der industriellen Revolution auch stets Veränderungen der Finanzwirtschaft mit sich gebracht. Beispielsweise ging schon mit der ersten industriellen Revolution Mitte des 18. Jahrhunderts auch eine Liberalisierung von Handelsbeschränkungen einher, die es ermöglichte, die Produkte auch leichter zu handeln. Aus dem Familienvermögen der damaligen Unternehmer ließen sich jedoch keine allzu großen Investitionen in neue Technologien und Fabriken mehr finanzieren. Um hier Abhilfe zu schaffen, entwickelte sich parallel zur Industrialisierung auch der Finanzmarkt mit seinen Banken und Börsen weiter. Durch die heutigen Technologien der Vernetzung steht das System der Finanzmärkte jedoch gerade vor gravierenden Umwälzungen. So ist es die Blockchain-Technologie, die nicht nur neue Kryptowährungen hervorbringt, sondern auch in diesem Bereich den Aspekt der Kollaboration extrem vorantreibt. Und wieder sind es wenig überraschend US- amerikanische Unternehmen, die hier das Potenzial erkennen und in den nächsten Jahren wohl neue Geschäftsmodelle hervorbringen werden. Während Ewald Nowotny als Ökonom und Nationalbankdirektor bei uns den Bitcoin noch als legales Zahlungsmittel ausschließt, arbeitet die US-amerikanische Citibank als einer der größten Finanzdienstleister der Welt bereits an etlichen Blockchain-Projekten, und auch die New Yorker Börse ist daran interessiert, mit dieser Technologie den Aktienhandel effizienter zu machen. Diese Unternehmen sehen in diesen Prozessen der Demokratisierung keine Gefahr, sondern eine Chance, um Einsparungen zu erzielen und neue Dienstleistungen zu schaffen. Exakt diese Dienstleistungen könnten auch für die Industrie von Bedeutung sein. Dabei geht es nicht nur um Kryptowährungen, sondern auch um vertragliche Absicherungen über sogenannte Smart Contracts, die genau genommen Banken, Versicherungen und Notare immer mehr überflüssig machen und die direkte Verbindung zu den Kunden und Märkten stärken. Im Sinne dieser engeren Bindung ist es technisch zudem noch leichter möglich, dass Konsumenten beispielsweise mit einer App auf direktem Weg mehr Informationen über ein Produkt, dessen Herstellung und Weg in die Regale der Supermärkte abrufen und somit gemeinsam mit dem Unternehmen zu dessen permanenter Weiterentwicklung beitragen können. Wie geht es dem Humankapital? Eine zusätzliche Herausforderung für die Industrie stellt der Faktor Mensch an sich dar. Denn die heranwachsende Generation wird noch mehr als bisher Arbeit als einen Teil der Selbstverwirklichung ansehen. Gerade das Internet und Anwendungen wie Social-Media-Plattformen verstärken dieses Bedürfnis. Nicht alleine das Geld, sondern der Spaß an der Arbeit oder die vorübergehende Auseinandersetzung mit einem spannenden Thema wird junge Mitarbeiter an ein Industrieunternehmen binden, das im Gegensatz zu bunten und lustigen Start-ups allgemein immer mehr an Attraktivität einbüßt. Diese Entwicklungen sind für die heimische Industrie an sich nichts Düsteres und Bedrohliches, sondern lediglich ein Auftrag, um sich zu einem gewissen Grad neu zu erfinden. Dabei geht es nur darum, sich noch stärker nach außen hin zu den Kunden, zu den Märkten und zu potenziellen Mitarbeitern zu öffnen und Prozesse zuzulassen, die transparenter sind, dezentral verlaufen und mehr wirkliche Partizipation ermöglichen.

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