Aktuelle Ausgabe: Special Oktober 2017

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Standortinnovation & Betriebsansiedelung











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An der Spitze ist die Luft dünn

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Der rasante Wandel hin zur Digitalisierung stellt schon jetzt die Welt auf den Kopf.
Zukünftig wird es für Staaten und Regionen von größter Bedeutung sein, sich
technologisch im Kreise der Innovationsführer zu etablieren, um dauerhaft
wettbewerbsfähig zu bleiben. Gerade neue Technologien sind dabei der
Schlüssel zur Zukunft des Standortes.


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Wer zuerst kommt, malt zuerst - gilt auch in diesem Zusammenhang. Wenn wir international nicht ins Hintertreffen kommen wollen, sollte Technologie im Rahmen von Forschung und Entwicklung forciert werden, raten Experten. Die klassische Produktion wird sich auch in Zukunft weiter auf die Billiglohnländer verteilen. Im globalen Wettbewerb dauerhaft zu bestehen erfordert einen Paradigmenwechsel in der Politik und im Denken. Die Politik versucht, sich den Herausforderungen der Zukunft bestmöglich zu stellen. Eine Start-up-Mentalität soll der Sparte Technologie Flügel verleihen und nach dem Vorbild der USA eine treibende Kraft werden. Standortsicherung ist dabei keine Ideologiefrage, sondern gemeinhin politischer Konsens. Wie sich Österreich hingegen aktuell im Bereich Digitalisierung und Technologieentwicklung schlägt, steht auf einem anderen Blatt. Wir dürfen, wie so oft, auch diese revolutionären Entwicklungen nicht verschlafen, wenn Österreich als Standort langfristig attraktiv bleiben möchte. Innovationssystem auf dem Prüfstand

Der aktuelle Forschungs- und Technologiebericht 2017 bietet eine Einschätzung der zur Verbesserung des österreichischen Innovationssystems unternommenen Anstrengungen. Laut diesem Bericht hat Österreich durch die im Jahr 2011 begonnene Strategie der Bundesregierung für Forschung, Technologie und Innovation (FTI-Strategie) insbesondere im Bereich der Forschungsintensität deutlich aufholen können. Laut Expertenaussagen weist Österreich anhaltend überdurchschnittliche Bruttoinlandsausgaben für Forschung und Entwicklung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (F&E-Quote) auf und kann sich zur Gruppe der forschungsintensivsten Länder zählen.

Weniger eindeutig ist der Trend, wenn es um das erklärte Ziel geht, Österreich an die Gruppe jener Länder heranzuführen, in denen kontinuierlich hohe Innovationsleistungen erbracht werden. Zwar konnte Österreich seit 2008 in den internationalen Innovationsrankings einige Plätze gutmachen. Österreich liegt damit weiterhin im guten Mittelfeld der hoch entwickelten Industriestaaten. Nach Expertenmeinung ist jedoch seit 2014 der zuvor beobachtete Aufholtrend wieder ins Stocken geraten. Die derzeitige Dynamik des österreichischen Innovationssystems reicht angesichts eines sehr kompetitiven internationalen Umfeld nicht aus, um Österreich rasch zur Gruppe der Innovationsführer aufschließen zu lassen, lautet eine Schlussfolgerung des Berichts.

Chancen gezielt nutzen

Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf Wirtschaft, Technik und Gesellschaft standen auch im Zentrum des diesjährigen FFG Forums, das im Wiener Museumsquartier über die Bühne ging. Infrastruktur- und Technologieminister Jörg Leichtfried betonte den Stellenwert und bezeichnete die Breitbandmilliarde als notwendige und wirksame Maßnahme für den Standort Österreich. Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Harald Mahrer verwies auf internationale Entwicklungen, skizzierte die künftigen Herausforderungen durch die Digitalisierung und ermutigte die Forschungsförderungsgesellschaft, sich stärker als „Thinktank“ einzubringen.

FFG-Geschäftsführerin Henrietta Egerth unterstrich die bereits erfolgten Weichenstellungen auf diesem sich sehr rasant entwickelnden Gebiet. „Wir haben ein breites Instrumentarium, mit dem wir das Thema in Österreich vorantreiben. Wichtige Leitlinien dabei sind Vernetzung und Interdisziplinarität“, so Egerth. Sie erwähnte auch die jährlich rund 70 Millionen Euro an Förderungen für Start-ups. Darunter verbirgt sich unter anderem das kürzlich vorgestellte neue Programm „Spin-off Fellowship“ des Bundesministeriustartms für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft.

Bei Fachgesprächen diskutierten Experten aus Wirtschaft und Forschung im Rahmen von fünf Gesprächsrunden über die Bedeutung der Technologieentwicklung und Digitalisierung für den eigenen Lebens- und Arbeitsbereich, über Chancen und Risiken sowie die digitale Agenda Europas. Große Übereinstimmung bestand darin, dass Österreich offensiv mit dem Thema umgehen muss, um technologisch, aber auch wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu bleiben. Technologien der Zukunft voranzutreiben und auf Basis hochwertiger Ausbildung den Standortvorteil auszubauen ist für die Experten ein chancenreicher und notwendiger Weg.

Best Practice: Internationales Mühlviertel

Wie eine Erfolgsgeschichte laufen kann, zeigen die jungen und innovativen Unternehmer aus Rainbach im Mühlkreis. Mit Leidenschaft und Kreativität folgt Kreisel Electric konsequent einer Vision - der Elektrifizierung der Straße. Mitte September wurde ein neues Hightech-Forschungs- und Entwicklungszentrum als Headquarter fulminant eröffnet. Der fast 7.000m2 umfassende Standort enthält eine Prototypenwerkstatt und eine komplett automatisierte Fertigungslinie für Kreisel Electric Batteriespeicher zur Ausstattung von Pkw-, Lkw-, Bus-, Boot- oder Flugzeug-Kleinserien sowie Speicherlösungen.

Mit dem neuen Standort, an dem 2018 über 200 Mitarbeiter beschäftigt sein werden, will Kreisel Electric seinen Wachstumskurs beschleunigen und sein Geschäft im Bereich der E-Mobilität international ausweiten. „In Österreich haben wir den Grundstein gelegt. Von hier aus wollen wir nun mit unseren Lösungen die Kunden in aller Welt begeistern“, sagte Christian Schlögl, der für die strategische Entwicklung verantwortliche CEO bei Kreisel Electric. Bundeskanzler Christian Kern zeigt sich ebenfalls begeistert von der Kreisel-Technologie und ist vom großen Potenzial des Unternehmens überzeugt: „Ich bin sehr stolz darauf, dass Kreisel Electric als Technologieführer die Elektrifizierung in Österreich und auch weltweit vorantreibt. Menschlicher Einfallsreichtum ist die Basis für Innovation, Technologie und damit für künftiges Wachstum und Arbeitsplätze. Hier wollen wir Vorreiter sein und Kreisel ist ein gelungenes Beispiel dafür, das zweierlei zeigt: erstens dass man, um ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen, nicht unbedingt am MIT oder in Harvard gewesen sein muss und zweitens, dass wir in Österreich das Potenzial haben, um an der Spitze mitzuspielen.“

Silicon Austria

Das neue Forschungszentrum für Mikroelektronik auf Weltniveau schlägt sein Hauptquartier in der Steiermark auf. Der Sitz von Silicon Austria wird bei der Technischen Universität Graz eingerichtet. Ziel der Forschungsinitiative ist, die österreichischen Kompetenzen in der Elektronik und Mikroelektronik zu bündeln und heimische Betriebe international an die Spitze zu bringen. Die Geschäftsführung in Graz übernimmt die Gesamtkoordination des Forschungszentrums mit Standorten auch in Villach und Linz.

Auf über 2.800 m² werden künftig Forscher in der steirischen Landeshauptstadt am Schwerpunkt System-Integration arbeiten. Untersucht werden etwa das reibungslose Zusammenspiel unterschiedlicher Komponenten wie Radarsensoren, GPS-Empfang, Stromversorgung und Internetverbindung in einem selbstfahrenden Auto. Infrastrukturministerium, Land Steiermark und die Industrie investieren in den nächsten fünf Jahren insgesamt rund 100 Millionen Euro. Der steirische Standort nimmt noch heuer seine Arbeit auf und wird in den kommenden Jahren über 200 neue hochqualifizierte Jobs in Wissenschaft und Forschung bringen.

Elektronik und Mikroelektronik sind die Basis für die Digitalisierung. Sie durchziehen jetzt schon alle Lebensbereiche wie Handy, elektrische Zahnbürste, Assistenzsystem eines Autos oder die computergesteuerte Maschine in der Fabrik. Rund ein Zehntel der weltweiten Wirtschaftsleistung hängt direkt oder indirekt von Elektronikprodukten ab. In Österreichs Elektronikindustrie arbeiten mehr als 63.000 Menschen in über 180 Unternehmen und erwirtschaften einen Umsatz von rund 80 Milliarden Euro.

„Mit Silicon Austria haben wir das Herzstück des Weltklasse-Forschungszentrums für Mikroelektronik in die Steiermark geholt. Damit bringen wir unsere heimischen Betriebe international an die Spitze und schaffen über 200 Top-Arbeitsplätze in unserem Bundesland. ‚Mikroelektronik made in Austria‘ wird zu einer Weltmarke. Was die Schweizer bei den Uhren sind und die Deutschen früher bei den Autos waren, werden Österreich und die Steiermark für Elektronik und Mikroelektronik“, so Infrastrukturminister Jörg Leichtfried.

DigitalCity.Wien

Neue Konzept, um die Entwicklung von Technologie und Digitalisierung voranzutreiben, kommen auch aus Kooperationen von Stadt und Unternehmern. An zwei Tagen im September wurde die DigitalCity.Wien präsentiert. Spannende Talks mit Experten zu Themen wie Virtual Reality, Blockchain, IoT oder Active and Assisted Living (AAL) standen am Programm. Erstmals wurde in der Universität Wien auch eine Leistungsschau der österreichischen IT-Security-Branche geboten. „Die österreichische IKT-Branche nach außen hin zu präsentieren und zu zeigen, dass die Digitalisierung Herausforderung und Chance zugleich für jedermann ist“, sind zwei Ziele der DigitalCity-Mitgründer Ulrike Huemer, CIO der Stadt Wien, und Joe Pichlmayr, CEO der Ikarus Security Software GmbH.

Die Jugend ist der Schlüssel

„Zu vermitteln, dass der Staat kein Monopol darauf hat, ein perfektes Ökosystem für das Digital-Zeitalter zu schaffen, ist eines unserer Anliegen. Im Gegenteil: Noch nie war es aufgrund der vielfältigen Vernetzungsmöglichkeiten für die Allgemeinheit so einfach, Ideen oder ganze Geschäftsmodelle miteinander zu entwickeln und das Leben für andere Menschen zu verbessern oder zu erleichtern. Schwarmintelligenz ist da nur ein Schlagwort“, erklärt Joe Pichlmayr.

„Auch heuer wollen wir bei den Digital Days wieder zeigen, dass sich dieses Engagement schon viele Kinder, Jugendliche, Start-ups und KMU zu Herzen genommen haben. Ihnen wollen wir eine Bühne bieten und ihren Output auch entsprechend honorieren“, führt Pichlmayr weiter aus. Er verweist damit auf die Award-Verleihung des Wettbewerbs für Schulkinder „Made by kids“ des DaVinciLab, die Auszeichnung der österreichischen Finalisten des „World Summit Award“ sowie auf das Community-Building-Format „Industry meets Makers“. Bei diesem Projektwettbewerb schreiben Konzerne Projekte aus, für deren Umsetzung sie sich Hilfe bei Start-ups, KMU, Universitäten, Fachhochschulen und sogar Schulen holen. Mit dabei waren in diesem Jahr klingende Namen, wie etwa Magna, Infineon, Nokia oder T-Mobile.

Selbstbestimmtes Leben im Alter

Im Rahmen des Projektes „BürgerInnen 60+“ werden in 83 Wiener Testhaushalten der AAL-Testregion verschiedene Technologien in integrierter Form und mit begleitenden Services von Menschen im höheren Alter getestet. AAL steht für Ambient Assisted Living, zu Deutsch: „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben“. Im Verlauf der Studie wird untersucht, wie diese Technologien und Services die Lebensqualität der Testpersonen beeinflussen und wie sie zugeschnitten werden müssen, um den Studienteilnehmern ein selbstbestimmtes Leben im gewohnten Umfeld mit hoher Lebensqualität zu ermöglichen. Die Ergebnisse des Projekts sollen in zukünftigen Pflege- und Betreuungsprozessen berücksichtigt werden. Das Projekt läuft von Dezember 2016 bis November 2019 und wird von Urban Innovation Vienna koordiniert.

IT-Ladys vor den Vorhang

Mehrere Initiativen der DigitalCity.Wien widmen sich dem Thema „Frauen in der IT“. „Wir haben in Wien zwar einen vorbildlichen Anteil von Frauen in den Geschäftsführungen der ITK-Unternehmen, aber es fehlt uns massiv an Nachwuchs“, sagt Sandra Kolleth, CEO von Xerox Austria, wo mehr als 30 Prozent der Beschäftigten und 40 Prozent der Führungskräfte Frauen sind. „Nur 14 Prozent der Beschäftigten in der IT sind Frauen. Mit verschiedenen Initiativen wollen wir Mädchen und Frauen für die Branche begeistern. Dazu holen wir auch erfolgreiche IT-Ladys verschiedener Unternehmen vor den Vorhang“, so Kolleth weiter.

Hier finden Sie das vollständige Special Standortinnovation & Betriebsansiedelung zum Nachlesen.