Aktuelle Ausgabe: Special Juni 2017

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Geld & Finanzen










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Weltwirtschaft im Aufschwung

Im vergangenen Jahr hat sich die globale Wirtschaft als recht widerstandsfähig erwiesen. Weder die Sorge um eine Abkühlung der chinesischen Wirtschaft noch das Ergebnis der Brexit-Abstimmung und der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl konnten die Weltwirtschaft von ihrem moderaten Wachstumskurs abbringen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt auch für dieses und nächstes Jahr Wachstum voraus.

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Für das Geschäftsjahr 2017 rechnet der IWF mit einem weltwirtschaftlichen Wachstum von 3,5 Prozent gegenüber 3,1 Prozent im Vorjahr. Im Jahr 2018 soll es ein Plus von 3,6 Prozent geben. Dabei ruht das Wachstum der Weltwirtschaft auf einer soliden Basis. Impulse erwartet man 2017 insbesondere aus den Regionen Europa und Asien sowie den USA. Allerdings sollen sich auch einzelne Länder schlechter entwickeln als erwartet. Obwohl sich die Rohstoffpreise seit Anfang 2016 – wenngleich auf niedrigem Niveau – stabilisiert haben, bleiben die Probleme der Exportländer im Mittleren Osten, Afrika und Lateinamerika bestehen. Hinzu kommen Unruhen und schlechte Wetterbedingungen, die die Hungersnot in Niedriglohnländern verstärkt haben.

 

Solide Entwicklung

In den Schwellenländern deuten für dieses Jahr die Zeichen wieder auf eine moderate Konjunkturbeschleunigung hin. Verantwortlich dafür sind vor allem die konjunkturelle Stabilisierung in den beiden Emerging-Market-Schwergewichten Russland und Brasilien und die Belebung in den rohstoffexportierenden Schwellenländern. In den Industrieländern sind die Wachstumsbedingungen insgesamt ebenfalls recht günstig. Zwar gibt es noch immer nicht ausreichend Klarheit über die konkrete Ausgestaltung der US-Wirtschaftspolitik unter Donald Trump, doch es zeichnet sich ein veränderter Policy-Mix, der kombinierte Einsatz von Geld- und Fiskalpolitik, ab. Die Geldpolitik wird die Wirtschaftsentwicklung etwas weniger, die Fiskalpolitik dagegen mehr unterstützen. Auch wenn die Größenordnungen noch nicht feststehen, wird Trump versprochene Steuersenkungen und Investitionsinitiativen umsetzen. Im Verlauf des Jahres 2017 dürften diese Maßnahmen das Wirtschaftswachstum beflügeln – trotz bremsender Effekte der anziehenden Inflation, etwas höherer Zinsen und der daraus resultierenden Aufwertung des US-Dollars. Im Euroraum dürfte das Wirtschaftswachstum im dritten Jahr in Folge leicht über dem langfristigen Wachstumstrend liegen. Die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise aus dem Jahr 2008 scheinen nun endgültig überwunden und die Binnennachfrage dürfte weiterhin für positive Impulse sorgen. Die Kauflaune der Konsumenten wird zwar etwas unter der anziehenden Inflation und der Erholung der Ölpreise leiden, aber Unterstützung ist von der stetig steigenden Beschäftigung zu erwarten. Die Deflation wird 2017 voraussichtlich kein Thema mehr sein. Dennoch wird die EZB – im Gegensatz zur US-Notenbank Federal Reserve – an ihren expansiven geldpolitischen Maßnahmen festhalten. Die Euro-Schwäche dürfte angesichts dieser geldpolitischen Divergenzen anhalten.

 

Risiken für die Weltwirtschaft

Ob die momentanen positiven Aussichten für die Weltwirtschaft insgesamt anhalten und nachhaltig sind, kann der Internationale Währungsfonds allerdings nicht mit hundertprozentiger Sicherheit vorhersagen. Als positiv wird die Stimmung unter Verbrauchern und Unternehmen in entwickelten Volkswirtschaften beurteilt, die außerdem weiter steigen könnte. Auf der anderen Seite kommt es zu gegenläufigen Entwicklungen, die auf gedämpfte Produktivitätssteigerungen zurückzuführen sind. Risiken bestehen in der makroökonomischen Politik der beiden größten Wirtschaftsräume USA und China. Die Federal Reserve könnte wegen der Erholung der US-Wirtschaft bald damit beginnen, die eigene Bilanz abzubauen und wieder Geld aus dem Markt zu nehmen. Das wiederum würde sich auf die Zinsen in den USA und damit auch auf den US-Dollar auswirken und beides weiter steigen lassen – vorausgesetzt, die Bank of Japan und die EZB lassen die eigenen Zinsen unverändert. In den nächsten Jahren wird in den USA mit einer Expansion der Fiskalpolitik gerechnet, die unter Umständen zu mehr Inflation führt und damit einen weiteren Anstieg des US-Dollars und der Zinsen bewirken kann. Dies wiederum könnte neue Probleme in denjenigen Entwicklungs- und Schwellenländern entstehen lassen, die beispielsweise ihre Schulden in Dollar fakturieren. Auch der Restrukturierungsprozess in China ist noch nicht abgeschlossen, der Leistungsbilanzüberschuss ist rückläufig und das Wachstum, das insbesondere auf inländischen Krediten basiert, ist instabil. Das könnte auch auf andere Länder Auswirkungen haben. Die Gefahr des Protektionismus und der politischen Abschottung von ganzen Märkten birgt neben der konjunkturellen Entwicklung weitere Risiken für die Weltwirtschaft. Es existiert kein Universalrezept für alle Volkswirtschaften, da sie sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden und strukturell sehr unterschiedlich sind. Die befürchteten Deflationsrisiken sind zwar generell zurückgegangen, aber aktive Geldpolitik ist weiterhin dort gefragt, wo die Inflation immer noch unter den Zielvorgaben liegt. Die Strukturreformen einzelner Länder müssen fortgeführt werden, um den Output wie auch die Widerstandsfähigkeit gegen potenzielle wirtschaftliche und politische Risiken und Krisen zu erhöhen. Gefragt ist daher ein multilaterales Verständnis für Zusammenarbeit ebenso wie länderspezifische Initiativen, um den internationalen Handel zu unterstützen, der für das weltweite Wachstum maßgeblich ist.

 

Industrie neu entdeckt

Galt es früher als Zeichen der Fortschrittlichkeit, sich für eine möglichst rasche Transformation hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft einzusetzen, machen derzeit vor allem die Fürsprecher des industriellen Sektors von sich reden. Am lautesten tut dies Donald Trump. Er hat sein Amt nicht zuletzt mit dem Anspruch angetreten, einen Teil der seit 2001 verlorengegangenen knapp fünf Millionen Jobs in der Industrie zurückzugewinnen. In dieser Diskussion wird oft mit Halbwahrheiten hantiert, denn was der Begriff „Industrie“ genau umfasst, ist alles andere als exakt. Mit konventioneller Fließbandarbeit hat der sogenannte sekundäre Sektor jedenfalls immer weniger zu tun. Im Wertschöpfungsprozess eines Industriebetriebs werden viele Tätigkeiten wie Forschung, Einkauf oder Marketing eher mit dem tertiären Sektor oder Dienstleistungssektor assoziiert. Dazu kommt, dass der Begriff Industrie heute inflationär verwendet wird. Das reicht von der Tourismus- und Unterhaltungsindustrie bis hin zur Finanzindustrie. Den Umbruch der Industrie statistisch zu erfassen ist entsprechend schwierig. Wenn beispielsweise ein Industriebetrieb seine Waren mit firmeneigenen Lastwagen ausliefert, scheint der Fahrer als Industriearbeiter auf. Wird dafür eine Transportfirma beauftragt, wird der Fahrer für dieselbe Tätigkeit aber dem Transport- bzw. tertiären Sektor zugerechnet. Das Problem der statistischen Abgrenzung wird von Personalvermittlern weiter verschärft. Wird die Belegschaft für die neue Produktionslinie einer Industrieanlage von ihnen gestellt, werden die Arbeiter dem Dienstleistungssektor zugeordnet, da sie formell vom Stellenvermittler angestellt sind und nicht vom Industriebetrieb. Alleine in den USA dürften bis Mitte des Jahres 2015 auf diese Weise rund 750.000 Arbeiter statistisch falsch erfasst worden sein.

 

Industrielle Marktanteile verschoben

Die industriellen Gewichte haben sich in den vergangenen Jahren stark verschoben. So mussten die USA im Jahr 2010 den Titel als größter Produktionsstandort an China abtreten. Chinas industrielle Wertschöpfung summiert sich laut Angaben der UNO auf rund drei Billionen US Dollar, jene der USA auf 2,2 Billionen. Damit ist der Weltmarktanteil der USA von 29 Prozent zu Beginn der 1980er-Jahre auf knapp 19 Prozent im Jahr 2015 gesunken. Ebenfalls sehr steil verlief der Rückgang in Japan, wo der Anteil von einem Höchststand von 22 Prozent im Jahr 1995 auf sieben Prozent einbrach, oder in Deutschland, wo die Quote von zehn Prozent im Jahr 1992 kurz nach der deutschen Wiedervereinigung auf knapp sechs Prozent zurückging. Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas ist aber nur ein Teil der Erklärung für die sinkende Industriebeschäftigung in den westlichen Industrienationen. Mindestens gleichbedeutend dafür ist nämlich auch die Arbeitsproduktivität, das heißt die Leistung pro Arbeitsstunde. Sie ist im US-Industriesektor seit 2002 um 47 Prozent gestiegen, ähnlich wie in Japan mit 49 Prozent, in Frankreich beträgt der Wert 43 Prozent, in Großbritannien 35 Prozent und in Deutschland 30 Prozent. Zu erklären ist das mit der zunehmenden Automatisierung und dem steigenden Bildungsgrad der Industriearbeiter. So haben in den USA mittlerweile 29 Prozent der Beschäftigten im sekundären Sektor einen Hochschulabschluss. Nur noch zwei von fünf Industriearbeitern sind dort direkt in der Produktion tätig. Die westliche Industrie leidet daher nicht primär an der Globalisierung und am Aufkommen neuer Konkurrenten wie China. Vielmehr ist die Branche auch Opfer ihrer Effizienzgewinne. Das gilt nicht nur für die USA, wo der Produktivitätsanstieg der Industrie in den vergangenen 15 Jahren fast doppelt so hoch ausfiel wie jener der Gesamtwirtschaft.

 

IWF erhöht Wachstumsprognose für Österreich leicht

Der IWF hat die Prognose für das österreichische Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr 2017 gegenüber der Herbstschätzung angehoben. Laut aktuellem World Economic Outlook des IWF wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) heuer voraussichtlich um 1,4 Prozent wachsen. Im Herbst waren für 2017 lediglich 1,2 Prozent BIP-Plus erwartet worden. Für 2018 geht der IWF für Österreich von 1,3 Prozent BIP-Anstieg aus. Mit diesen prognostizierten Wachstumsraten bleibt die Alpenrepublik allerdings in beiden Jahren hinter der Eurozone zurück, für die der IWF für 2017 und 2018 von 1,7 und 1,6 Prozent BIP-Plus ausgeht. 2016 ist die heimische Wirtschaft real um 1,5 Prozent gewachsen, jene des Euroraums um 1,7 Prozent. Die IWF-Erwartungen für Österreich liegen deutlich unter den Prognosen der heimischen Wirtschaftsforscher. In seiner Frühjahrsprognose von Ende März hatte das WIFO für heuer zwei Prozent Realwachstum vorhergesagt, das Institut für Höhere Studien (IHS) 1,7 Prozent. Für 2018 rechnete das WIFO mit 1,8 Prozent und das IHS mit 1,5 Prozent BIP-Zuwachs.

 

Mehr Stabilität für Finanzmärkte

Der IWF hält 2017 die Finanzmärkte in aller Welt für stabiler als zuvor. Die wirtschaftliche Entwicklung hat Fahrt aufgenommen, während die weiterhin konjunkturstützende Geld- und Fiskalpolitik die Hoffnung auf eine steigende Inflation schürt. Das geht aus dem ebenfalls Mitte April veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht des IWF hervor. Gefahren sieht der Währungsfonds vor allem im politischen Bereich. Als positiv sind die zuletzt gestiegenen Langfristzinsen zu bewerten. Diese stützen die Gewinne von Banken und Versicherungsunternehmen. Der Anstieg vieler Vermögenspreise unterstreicht den optimistischen Ausblick. Vor allem die Aktienmärkte in den USA profitierten von den Versprechen der neuen Regierung. Der IWF verweist auf die zu erwartenden Steuerreformen, steigende Infrastrukturausgaben und einen Abbau von Regulierungen.

 

Warnung vor Deregulierung

Allerdings könnte die Politik von US Präsident Donald Trump – so sie eins zu eins umgesetzt wird – auch zu einem Risiko für die Finanzstabilität werden. Die versprochene Steuerreform und die Deregulierungen würden möglicherweise zu steigenden Risikoprämien und einer erhöhten Schwankungsanfälligkeit auf den Finanzmärkten führen, so der IWF und er warnt daher vor einer bedeutsamen Rücknahme der Regulierungen im Finanzsektor. Auch in Europa stellen politische Spannungen eine Gefahr dar. Zudem gibt es weiterhin Schwierigkeiten im europäischen Bankensystem. Die Ertragskraft der Banken muss weiter gestärkt werden. Wachsende Gefahren für die Finanzmarktstabilität sieht der IWF auch in China. Die Kreditvergabe steigt hier weiterhin stark. Die Bilanzsumme der Banken übertrifft das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um mehr als das Dreifache. Die jüngsten Turbulenzen im chinesischen Geldmarkt zeigen daher auch dessen Verwundbarkeit.

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