Aktuelle Ausgabe: Special Oktober 2017

Energie & green technology











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Ist die Wende bald am Ende?

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Die Energiewende dürfte in Österreich an Dynamik verloren haben, was auch aus volkswirtschaftlicher Sicht bedenklich ist.


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Die globale Energieversorgung befindet sich im Wandel. International werden die Weichen für ein neues Energiesystem gestellt, das den Ansprüchen des Pariser Klimaabkommens gerecht werden soll und den schrittweisen und vollständigen Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energie forciert. In vielen Bereichen bleibt durch den Erfolg der erneuerbaren Energien und die Dezentralisierung kaum ein Stein auf dem anderen. Auch der Durchbruch der Elektromobilität und die Digitalisierung werden dabei neben der Dekarbonisierung zum Treiber der Energiewende. Die Entwicklung der globalen Energiemärkte ist auch eine Chance für Innovationen und Exporttechnologien aus Österreich. Die Zukunft der Heimmärkte in Europa und Österreich wird dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Abgesehen davon kommt der sicheren Stromversorgung für unseren Alltag und für unsere Gesellschaft natürlich eine essenzielle Bedeutung zu, man denke nur an die Versorgung von Krankenhäusern, Industriebetrieben, des Dienstleistungssektors oder unserer Haushalte. Als Selbstverständlichkeit wird dabei gesehen, dass der Strom zu jeder Zeit und in der erforderlichen Qualität „aus der Steckdose“ kommt – zählt Österreich doch zu den Ländern mit der stabilsten Stromversorgung.

Dennoch gibt es laut Österreichischem Biomasse-Verband (ÖBMV) in gewissen Bereichen etliche Defizite bzw. dringenden Handlungsbedarf. So weisen namhafte Wissenschaftler und Energieexperten auf die starke Abhängigkeit Österreichs von fossilen Energien hin und zeigen Wege auf, sich durch den Umstieg auf erneuerbare Energien daraus zu befreien. „Trotz Unterzeichnung des Pariser Klimaschutzabkommens, womit Österreich seinen klaren Willen zur Energiewende bekundet hat, sind wir noch zu 70 Prozent von fossilen Energieträgern abhängig“, betont Josef Plank, Präsident des Österreichischen Biomasse-Verbandes. Während von in Österreich verbrauchten fossilen Energieträgern nicht einmal neun Prozent aus inländischer Förderung stammen, werden erneuerbare Energien zu 97 Prozent im Inland gewonnen. 

 

Teure Abhängigkeit

Fossile Brennstoffe belasten aber nicht nur das Klima, sondern auch die Geldbörse der Bevölkerung. „Auf Basis der heutigen Energiepreise ergeben sich für ein Referenzgebäude aus den 1980er-Jahren bei Erdöl als Energieträger jährlich etwa 500 Euro Mehrkosten gegenüber Biomasse“, schildert Herbert Greisberger von der Energie- und Umweltagentur NÖ. Diese Entwicklung könne vor allem armutsgefährdete Haushalte in ihrer Existenz bedrohen. Denn die Belastung durch Energiekosten für sogenannte energiearme Haushalte ist gegenwärtig besonders hoch: Während im Jahr 2014 insgesamt durchschnittlich 4,6 Prozent des Einkommens für Wohnenergie ausgegeben wurden, mussten energiearme Haushalte mehr als das Vierfache – nämlich 22,8 Prozent ihres verfügbaren Einkommens – für Heizen, Warmwasser und Strom aufwenden. Aber nicht nur Erdöl ist in diesem Zusammenhang ein teures Importprodukt, das uns in eine Abhängigkeit führt, auch Erdgas: „Die Erdgasimporte Österreich werden fast gänzlich über eine einzige Pipeline aus Russland bezogen“, betont Energieexperte Werner Zittel.

Unter den zehn wichtigsten Rohöllieferanten Österreichs befinden sich mit Libyen, dem Irak oder Nigeria Länder, in denen Kriege geführt bzw. Teile von Terrormilizen kontrolliert werden. Die Energieanalystin und Nahostexpertin Karin Kneissl warnt zudem vor Unruhen in Saudi-Arabien. Zudem weist sie darauf hin, dass Russland und die OPEC-Staaten ihren Fokus bei Öl- und Gaslieferungen immer stärker weg von Europa in Richtung Asien, insbesondere auf China, legen. Die Sicherheit unserer fossilen Energieversorgung kann daher infrage gestellt werden.  

„Aus zunehmendem Ressourcenmangel und Verteilungsungerechtigkeit folgt mit nahezu zwingender Kausalität eine Zunahme von Ressourcenkriegen und Terror“, erläutert Prof. Wolfgang Kromp vom Institut für  Sicherheits- und Risikowissenschaften der BOKU Wien. Besondere Schwachstellen unserer Infrastruktur sieht Kromp in Großkraftwerken und der derzeitigen Form der Energieverteilungsnetze. Gerade deshalb sei eine Dezentralisierung kritischer Infrastruktur bei der Energiebereitstellung sinnvoll, empfiehlt er.

 

Scheitert die Energiewende?

Generell tritt Österreich bei der Energiewende auf der Stelle. Denn der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttoinlandsverbrauch Energie lag im Jahr 2016 wie 2015 erneut unter dem Höchstwert von 2014. Damit droht Österreich ein Verfehlen seiner EU-Verpflichtungen von 34 Prozent erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch bis 2020. „Während weltweit die Transformation in Richtung nachhaltiges Energiesystem gestartet ist, steigt in Österreich die Abhängigkeit von fossiler Energie. Österreich hat sich in den vergangenen Jahren von einem Stromexport- zu einem Stromimportland entwickelt. In kalten Wintermonaten stammt bereits mehr als die Hälfte unseres Stroms aus Importen oder fossiler Erzeugung“, erklärt Josef Plank, Präsident des Österreichischen Biomasse-Verbandes.

Auch nach Angaben der Statistik Austria ist die Energieabhängigkeit Österreichs 2016 auf eine Quote von 63 Prozent gestiegen. Die Auslandsabhängigkeit Österreichs beträgt bei Erdgas 87 Prozent, bei Erdöl 94 Prozent und bei Kohle 100 Prozent. „Österreich verfügt im Bereich erneuerbare Energien über hervorragende Unternehmen, die mit ihren innovativen Technologien teilweise Weltmarktführer sind, insbesondere bei der Bioenergie. Wir müssen die Energiewende endlich als wichtigen Jobmotor begreifen und umsetzen“, so Plank.

Während zahlreiche EU-Staaten, wie zum Beispiel Schweden (-23 Prozent), ihre Treibhausgasemissionen gegenüber dem Jahr 1990 reduzieren konnten, liegen diese in Österreich noch über dem 1990er-Wert – immerhin ist der Treibhausgasausstoß seit 2005 rückgängig. „Es geht darum, aus Emissionssenkung und verantwortungsvoller Klimapolitik mithilfe der erneuerbaren Energien einen wirtschaftlichen Erfolg zu schmieden“, betont Plank.

 

100 Prozent Ökostrom sind möglich

Auch die Importe von Kohle- und Atomstrom nach Österreich befinden sich auf einem Rekordniveau, gerade in den Wintermonaten. Marktanalyst Georg Benke verweist in diesem Zusammenhang auf die Problematik kurzfristiger Spitzenlasten als Folge des zunehmenden Stromeinsatzes für Wärmepumpen und Elektroautos. Trotz des steigenden Stromverbrauchs kommt Gustav Resch, TU Wien, in der Studie „Stromzukunft Österreich 2030“ zum Schluss, dass eine 100-prozentige Versorgung Österreichs mit Strom aus erneuerbaren Quellen möglich ist. Diese Meinung vertritt auch Energieexperte Heinz Kopetz, der zudem eine Abschaffung der Steuerprivilegien für die fossile Stromerzeugung fordert.  

In diesem Zusammenhang zeigte auch GLOBAL 2000 mit einer Studie, dass die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien in Österreich zumindest bis spätestens 2050 machbar wäre. Sowohl Gebäude als auch Verkehr und Industrie würden dann mit sauberen Energieformen betrieben. Dafür ist es aber notwendig, rasch entschlossene Schritte zu setzen und sowohl den Haushalten als auch der Wirtschaft einen verlässlichen Rahmen zu bieten, damit sie Kaufentscheidungen und Investitionen verstärkt nach Nachhaltigkeitskriterien ausrichten können. Österreich hat derzeit jedoch nur Klima- und Energieziele bis zum Jahr 2020. Es fehlt an einer längerfristigen Strategie und Ausrichtung der Politik. Zwar gibt es weltweit kaum Staaten, die ausreichend für Klimaschutz aktiv sind, bei der langfristigen Ausrichtung der Politik haben andere Länder Österreich aber einiges voraus: So will die Schweiz ihre Treibhausgasemissionen um 50 Prozent bis 2030 reduzieren, Schweden bis 2045 Netto-null-Emissionen erreichen, Deutschland bis 2050 seine Treibhausgasemissionen um 95 Prozent verringern und in Norwegen will man es bis zum Jahr 2025 schaffen, nur noch Fahrzeuge zuzulassen, die nicht rein mit Diesel- und Benzinmotoren betrieben werden. „Es braucht in Österreich einen langfristig verlässlichen politischen Rahmen für Investitionen in die Energiewende und Klimaschutz. Dabei ist eine Strategie noch nicht einmal die halbe Miete, weil vor allem die Umsetzung zählt, aber in Österreich hat es bisher nicht einmal dazu gereicht“, betont Johannes Wahlmüller, Klima- und Energiesprecher von GLOBAL 2000, abschließend. Die jüngsten Entwicklungen am Energiesektor haben zudem gezeigt, dass es nicht nur wichtig ist, noch mehr Energie zu erzeugen, sondern dass es auch ausschlaggebend sein wird, die gewonnene Energie mit möglichst hoher Effizienz zu verteilen oder abzuspeichern. So steigen mit dem höheren Anteil an erneuerbaren Energien auch die Investitionen in neue Speichertechnologien, wie etwa Power-to-Gas. Weltweit gibt es daher Anstrengungen, um noch bessere Methoden zu entwickeln, damit Energie möglichst lange und mit geringen Verlusten gespeichert werden kann. Die Erfolge, die dabei erzielt werden, schüren jedoch auch übertriebene Erwartungen hinsichtlich der autonomen Versorgung einer Region, weshalb in Österreich auch weiterhin der Ausbau und die Modernisierung des Leitungsnetzes zu verfolgen sind – denn das Speichern von Strom ist relativ kostspielig und die Technologien dafür haben nur eine begrenzte Lebensdauer.

 

Hemmfaktoren

Die Marktentwicklung der erneuerbaren Energie wurde im Jahr 2016 auch von hemmenden Faktoren wie den vorläufig relativ niedrigen Heizöl- und Erdgaspreisen, den geringen Neubau- und Sanierungsraten, den rückläufigen Anreizen aus Förderprogrammen und nicht zuletzt durch den Wettbewerb unter den Technologien selbst beeinflusst. Diese nun schon länger wirkenden Hemmnisse führten 2016 in vielen Bereichen zu einem signifikanten Rückgang. 

Zu den großen Herausforderungen der Energiewirtschaft zählt auch die Digitalisierung. Sie ist ein Begleiter der Energiewende, um die Versorgung über die Netze künftig intelligenter, sicherer, leistungsfähiger und kostengünstiger zu gestalten. So wird der Wandel hin zu den Smart Grids auch zu neuen Geschäftsmodellen in der Energiewirtschaft führen, welche den Konsumenten mehr Transparenz sowie Möglichkeiten für Einsparungen bieten.

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