Aktuelle Ausgabe 4/2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Büro LH Kaiser, Norbert Kniat, Bergmann (Montage)



Wie der Süden zusammenwachsen will

Innovationen sind der Schlüssel zum Erfolg. Wie es geht, zeigen Kärnten und die Steiermark vor: Über eine verstärkte gemeinsame Forschung & Entwicklung wächst die „Südachse“ immer weiter zusammen – doch das löst nicht alle Probleme.


Von Angelika Dobernig

 

Foto: iStock/D-Keine

 

Der Frühling kommt, die Konjunktur brummt, die Auftragsbücher sind voll. Alles in bester Ordnung im Süden, möchte man meinen. Doch hinter der Fassade bröckelt es. So hinterlässt das frische Wirtschaftslüfterl in den Geldtaschen der Kärntner und Steirer keine Wirkung: In Sachen Kaufkraft hinkt man den anderen Bundesländern nach wie vor hinterher – vom Europa-Vergleich ganz zu schweigen. Steigern werden sich diese Zahlen nur über die Wirtschaftsleistung der Betriebe lassen.

 

Was aber nicht bedeutet, dass die Politik nichts dazu beitragen kann: Durch bessere Rahmenbedingungen könnte die Kaufkraft wesentlich angekurbelt werden. „Nur wenn unternehmerisch tätige Menschen investieren, übernehmen oder gründen, entstehen Arbeitsplätze, Einkommen, Kaufkraft und Steuern. Dazu braucht es investitionsfreundliche Standortbedingungen“, bringt es Jürgen Mandl, Präsident der Wirtschaftskammer Kärnten auf den Punkt. Auch sein Kollege in der Steiermark, Josef Herk, fordert Investitionsanreize, um die Wirtschaft weiter zu stärken und um aus einem Aufwärtstrend einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung machen zu können. Fragt man Herk und Mandl, was sie sich von der Politik als Sofortmaßnahme wünschen, kommt wie aus der Pistole geschossen: Bürokratieabbau! „Informationspflichten reduzieren“, fordert Herk, während Mandl „weniger und verständlichere Gesetze“ will. Beide träumen von einem Land mit schlanker Bürokratie und besten Förder-, Investitions- und Finanzierungsbedingungen.

 

Abwanderung = Fachkräftemangel

Auch in den ländlichen Regionen ist die Wunschliste an die Landespolitik lang. Denn während einige Regionen in Kärnten und der Steiermark von der Hochkonjunktur profitieren, geht sie an anderen scheinbar spurlos vorüber. Es ist der ländliche Raum, der nach wie vor mit Abwanderung kämpft. Seit Jahren ringt die Politik um Lösungen, doch heraus kamen bisher nicht einmal Lösungsansätze. Während die Speckgürtel rund um die Städte wachsen, leeren sich die Täler und Dörfer. Immer mehr junge, gut ausgebildete Menschen verlassen den Süden Österreichs. Und sie kehren nicht zurück, was für die Wirtschaft bedeutet: Es fehlen Fachkräfte! Laut Berechnungen der Fachhochschule wird es alleine in Kärnten ab dem Jahr 2025 um 30.000 Fachkräfte und 3500 Akademiker zu wenig im Land geben. Und schon heute stehen viele Betriebe vor dem Problem, nicht weiter wachsen zu können, weil ihnen dafür die Mitarbeiter fehlen. Die Mitarbeiter, und nicht die Kunden! So zeigt eine Umfrage der IV Steiermark, dass der Bedarf an Fachkräften in allen Branchen ungebrochen groß ist. Gemeint sind damit nicht nur akademisch ausgebildete Kräfte, sondern vor allem HTL-Absolventen, Lehrlinge und Meisterkurs-Absolventen.

Und das Problem des Fachkräftemangels ist längst nicht mehr ein Problem der Industrie, eine Vielzahl anderer Betriebe ist ebenso betroffen. „Dieses Problem zieht sich gleichermaßen durch das gesamte Handwerk, durch alle unsere Branchen“, sagt beispielsweise Klaus Rainer, Landesinnungsmeister der Kärntner Elektro-, Gebäude- und Alarmtechniker. Die Lehrlingsausbildung sei deshalb wichtiger denn je – und wird von den Betrieben auch forciert: Allein in der Kärntner Elektrobranche werden aktuell 379 Lehrlinge ausgebildet. Doch diese seien zu wenig, um den Bedarf der nächsten Jahre abzudecken. Dass es künftig noch schwieriger sein werde, Fachkräfte zu finden, meint Klaus Rumpf, Landesinnungsmeister der Kärntner Mechatroniker: „Ich denke, wir stehen bei dieser Problematik erst am Anfang. In den letzten Jahren ist es immer schwieriger geworden, Fachkräfte und gute Bewerber für Lehrstellen zu finden – und es wird auch künftig wohl nicht leichter werden.“ Dies bestätigt auch eine Studie des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernst & Young. Laut dieser haben 79 Prozent der Unternehmen Probleme bei der Suche nach qualifizierten Arbeitskräften. 56 Prozent der Unternehmen verbuchen Umsatzeinbußen, weil sie keine geeigneten Fachkräfte finden.

 

Man versuche, die Entwicklung mit neuen Ideen aufzuhalten. „Zum Beispiel mit der Lehre nach der Matura“, sagt Bernhard Plasounig, Lehrlingsbeauftragter der Wirtschaftskammer Kärnten. Immer mehr junge Menschen wüssten die praxisnahe Ausbildung nach der Matura zu schätzen. „Ich habe selbst zwei Lehrlinge im Betrieb, die zuerst die Matura gemacht haben“, erzählt er. Auch die Lehre mit Matura werde immer stärker nachgefragt. Gleichzeitig gebe es allerdings das Problem, dass die Grundqualifikation sinke. „Als Lehrbetrieb kann man sich nicht mehr darauf verlassen, dass Lehrlinge die Kulturtechniken so beherrschen, wie es für den Start ins Berufsleben nötig wäre.“ Vor allem mangelnde Mathematik- und Rechtschreib-Kenntnisse bringen dann oft Schwierigkeiten in der Berufsschule mit sich. „Es ist verständlich, dass Betriebe dann sagen, dass sie den jungen Leuten nicht auch noch Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen können“, so Plasounig. Umso mehr freue man sich darüber, dass Absolventen höherer Schulen und Universitäten sich für den Weg in die Lehre entscheiden.

 

High-Tech soll Junge im Land halten

Um die jungen Leute im Land zu halten, wird an mehreren Fronten gekämpft.  Ein zentrales Thema aus Sicht der Politik ist dabei eine neue Form des Zusammenhalts. Frei nach dem Motto „Alleine sind wir gut, zusammen sind wir besser“ erfüllen die beiden Bundesländer ihre Nachbarschaft mit neuem Leben. Vor allem im High-Tech-Bereich will man gemeinsam mehr erreichen. Und kann dabei auch schon auf konkrete Ergebnisse verweisen: Ein echter Meilenstein war die Eröffnung des Robotik-Instituts in Klagenfurt. „Das ist der erste konkrete Schritt für die Südachse Kärnten - Steiermark. Wir wollen hier etwas in Gang setzen“, sagte der steirische Landesrat Christopher Drexler bei der Eröffnungsfeier. Das erste „außer-steirische“ Institut des Joanneum Research ging mit einer Investition aus Kärnten einher:  4,5 Millionen Euro zahlte das Land Kärnten über seine Beteiligungsgesellschaft BABEG, um mit 15 Prozent beim Joanneum Research einzusteigen. Das Geld floss zweckgewidmet in das Robotik-Institut in Klagenfurt.

 

Der Schwung dieser ersten Kooperation konnte mitgenommen werden. So wurde als nächster Meilenstein die Initiative Silicon Austria mit  zwei wichtigen Säulen in Kärnten (CTR) und der Steiermark etabliert. Und die Vorzeichen stehen gut, aus dem Projekt etwas Großes entstehen zu lassen: Zahlreiche „Big Player“ wie Infineon oder AT & S ziehen mit, Anschubfinanzierungen von Bund und Ländern sorgen für Dynamik. Silicon Alps-Geschäftsführer Günther Lackner ist optimistisch: „Um die 80 Prozent der österreichweiten Wertschöpfung im Bereich Mikro- und Nanoelektronik werden in der Steiermark und Kärnten erwirtschaftet.“

 

Die Auswirkungen dieser verstärkten Zusammenarbeit lassen sich mittlerweile bereits in Studien nachlesen. So wurde Österreich in einer Forschungsstudie in drei große Forschungsregionen aufgeteilt. Dabei lag die Forschungsregion Süd mit der Steiermark und Kärnten auf Platz eins. Im Bundesländer-Ranking liegt die Steiermark nach wie vor vorne (mit einer F&E-Quote von 5,16 Prozent), aber Kärnten holt auch in der Einzelbewertung auf: Man schaffte es erstmals auf Platz vier, die Quote stieg von 2,86 Prozent auf 3,15 Prozent.

 

Tücken bei der Forschungsquote

Bevor man aber in den kollektiven Freudetaumel verfällt, muss man sich die Zahlen im Detail ansehen. Die Kärntner Forschungsquote wird vor allem von einigen wenigen forschungsintensiven Unternehmen – allen voran Infineon Austria – getragen. Bei den Klein- und Mittelunternehmen tut sich aber immer weniger. Die Zahl der forschenden Betriebe in Kärnten sinkt de facto, auch wenn die Forschungsquote steigt. Hier kann man sich einiges von der Steiermark abschauen: Nicht nur, dass die steirische F&E-Quote von wesentlich mehr Betrieben getragen wird, auch die Kooperation zwischen Wissenschaft und Betrieben funktioniert wesentlich besser als im südlicheren Bundesland.

 

Doch Halt! Auch in der Steiermark könnte man noch an einigen Schrauben drehen. Als Top-Player im europäischen F&E-Vergleich ist es zwar Jammern auf hohem Niveau, aber die Industriellenvereinigung Steiermark vermisst das Engagement der Landespolitik bei den Forschungsausgaben. Man fordert, kurz gesagt, mehr Geld. Georg Knill, Präsident der IV-Steiermark, sagt: „Die Betriebe sind in wirtschaftlich schwierigen Jahren in Vorleistung gegangen und haben mehr Mittel für Forschung und Innovation in der Steiermark investiert.“ Nun sei es an der Zeit, dass das Land hier mitanpacke. „F&E ist im Landeshaushalt nicht nice to have. F&E stärkt das wirtschaftliche Immunsystem der Steiermark.“

 

Auch die IV Kärnten fordert mehr Engagement der Politik in Sachen Forschung ein. So sagt IV Kärnten-Präsident Christoph Kulterer: „Um den für Wohlstand und Beschäftigung des Landes zentralen Bereich Industrie, Technologie und Innovation zu stärken, ist dafür ein eigenes Referat in der Landesregierung einzurichten.“ Ob es ein solches in der künftigen Landesregierung geben wird, bleibt abzuwarten – bisher hat man davon jedenfalls noch nichts vernommen.

Hier finden Sie die vollständige Ausgabe der Wirtschaftsnachrichten Süd zum Nachlesen.