Aktuelle Ausgabe 1-2/2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 


Mehr oder weniger

Flexiblere Arbeitszeiten hat die neue Bundesregierung zu einem ihrer ersten Ziele gemacht. Gegen den Zwölf-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche regt sich  Widerstand. Aber an einer Neugestaltung führt – wie auch immer – kein Weg vorbei.


Foto: APA

 

Chefin, warum darf ich das nicht jetzt  fertigmachen  und  dafür morgen  daheim  bleiben?  Das
spart mir zwei Stunden Arbeit und mit der An- und Abfahrt einen halben Tag“, hört Christine Dressler Korp von den Elektro-Installationsbetrieben Friebe  in  Graz  immer  wieder. Allein  der
rechtliche Rahmen gebe derzeit flexible Lösungen,  wie  sie  einem  modernen  Wirtschaftsleben entsprechen würden, einfach nicht her. Das soll sich aber nun ändern. Die türkis-blaue Regierung hat sich eine Flexibilisierung der Arbeitszeit als eines ihrer ersten Projekte auserkoren. Der Arbeitstag soll auf zwölf Stunden und die Arbeitswoche auf 60 Stunden erweitert werden können. Kurzer Rückblick: Bis Ende Juni 2017 hatten die Sozialpartner  eine  Frist,  sich  neben  der
schrittweise Einführung eines Mindestlohnes auf eine Flexibilisierung der Arbeitszeit zu einigen. Aus dem zweiten Teil der Aufgabe wurde nichts.  Bundeskanzler Sebastian Kurz deutete dann wenige Tage vor der Nationalratswahl an, dass eine neue Zeitrechnung beginnen könnte. „Ich glaube, sie werden sich das gefallen lassen müssen.“  Flexible Arbeitszeiten sind ein besonders
heißes Eisen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik  und  werden  es  auch  bleiben. Aus Sicht der Unternehmen ist klar: Wer sichere Jobs haben will, muss flexiblere Arbeitszeiten akzeptieren. Dabei hat das Thema tatsächlich Sprengkraft. „Wir als Arbeitgeber der mittelständischen Industriebetriebe haben oft ein echtes Problem mit zehn Stunden Arbeit pro Tag“, sagt etwa Angelika Kresch, Powerfrau des Kfz-Zulieferers Remus mit der Zentrale im weststeirischen Bärnbach, aber auch mit einer Produktionsstätte in Bosnien. Kreschs Erfahrungen aus der Praxis des Wirtschaftslebens: In Zeiten von Auftragsspitzen wären auch 90 Prozent der Arbeitnehmer bereit, zwölf Stunden zu arbeiten, um dann entsprechend mehr Freizeit zu haben, ist sie überzeugt, setzt aber nach: „Wir dürfen  das  laut  Arbeitszeitgesetz  derzeit nicht,  dieses  muss  endlich  auf  Standards kommen, die dem 21. Jahrhundert Rechnung tragen.“

 

Endlich Nägel mit Köpfen
Arbeiten, wenn Arbeit da ist, damit Arbeit da ist – das ist die Formel, die der Wirtschaftsbund umgesetzt sehen möchte. „Um wettbewerbsfähig bleiben zu können und neue Arbeitsplätze zu schaffen, müssen wir uns den Herausforderungen in der Arbeitsmarktpolitik stellen. In Sachen Arbeitszeit-flexibilisierung müssen endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden. Eine Modernisierung des verkrusteten Arbeitszeitgesetzes ist längst überfällig, um dann arbeiten zu können, wenn die Arbeit anfällt. Das wollen sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber“, betont ein Vertreter des Wirtschaftsbundes. Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches haben sich Gewerkschaft und Arbeiterkammer beim Thema Arbeitszeitflexibilisierung mittlerweile einzementiert. Die Position des ÖGB ist dabei klar: Komme es zu einer Flexibilisierung der Arbeitszeit, dürfe es nicht zu Lohnverlusten führen. „Schon jetzt läuft der Trend durch Teilzeit darauf hinaus, dass es zu einer Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich kommt“, mahnt man
beim ÖGB in Kärnten.Kein Grund zur Sorge, winkt da unter anderem die Industriellenvereinigung ab: „Es geht nicht um generell längere Arbeitszeiten, sondern es soll dann gearbeitet werden kön-
nen, wenn es sinnvoll ist. Die Arbeitszeit bleibt dabei insgesamt gleich.“

 

Warum muss ich aufhören?

Anderer Ansicht ist da Martin Risak, Professor für Arbeitsrecht und Sozialrecht an
der Universität Wien: Es gebe durchaus die Möglichkeit von Sonderüberstunden bis zu
24 Wochen im Jahr mit Betriebsvereinbarung, den vollkontinuierlichen Schichtbetrieb sowie Arbeitstage von mehr als zehn Stunden bei einer Viertagewoche. Wenn nun die Höchstarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden ausgeweitet wird, wie von den Arbeitgebern gefordert, „wird die 13. und 14. Stunde ein Problem sein“. Grundsätzlich bräuchten sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer flexible Arbeitszeiten, betont auch der Wissenschafter. Idealerweise profitierten von einer neuen Regelung beide Seiten, die Firmen und die Beschäftigten, so wie zum Teil jetzt schon bei der
Gleitzeit,  sagt  Risak. Längerfristig denkt der Experte an das Recht der Arbeitnehmer auf Teilzeit oder das Recht von Teilzeitbeschäftigten, wieder auf Vollzeit aufzustocken.


Schweden als Vorbild
Das ist die wissenschaftliche Sicht, die Praxis hingegen sieht anders aus, wie Unternehmer entgegenhalten. „Die vierte industrielle Revolution, die Digitalisierung der Wirtschaft, ist bereits voll im Gange. Die Betriebe müssen sich dieser gewaltigen Herausforderung  stellen“,  unterstreicht  Johann Hackl, Geschäftsführer der Eco Technologies Planungs-, Entwicklungs- und HandelsesmbH in Lebring. Und weiter: „Mit Arbeitsgesetzen aus dem vorigen Jahrtausend ist das aber nicht möglich. Wir fordern flexiblere Arbeitszeiten  mit  mehr  Entscheidungsfreiheiten sowohl für die Arbeitnehmer als auch für die Arbeitgeber. In einigen Ländern wurden bereits bahnbrechende Ideen umgesetzt. Nehmen wir uns ein Beispiel an Schweden.“
Dabei wissen auch die Arbeitnehmer, dass im Sinne sicherer Jobs Flexibilität gefordert ist. Ungebrochen hoch ist sowieso die Bereitschaft, Überstunden zu leisten oder sogar zwölf und mehr Stunden am Tag zu arbeiten und dafür etwa einen Tag freizubekommen,  geht  aus einer  aktuellen  Studie  des market-Instituts hervor. Dass flexible Arbeitszeiten  immer wichtiger werden, ist 91 Prozent der Befragten bewusst. Das wird auch weitgehend positiv gesehen, weil
damit ihrer Meinung nach Arbeitsplätze abgesichert  (86  Prozent)  und  Kündigungen vermieden  werden  könnten  (79  Prozent). Auch sei es möglich, damit einen Überstunden-Polster aufzubauen und diesen später als Freizeit zu konsumieren (76 Prozent). Durch die flexiblen Arbeitszeiten würden aber auch die Belastungen stark ansteigen, meinen 54 Prozent. Dagegen gehen nur 45 Prozent davon aus, dass damit mehr verdient werden kann.


Beide sitzen in einem Boot

Der internationale Vergleich zeigt, dass, je moderner eine  Volkswirtschaft ist, es umso mehr flexible Arbeitszeiten gibt, wie etwa in Finnland oder Schweden. Auch einen Trend zu Arbeitszeitverlängerungen gibt es, etwa in Finnland und der Schweiz. „Die Bedürfnisse der Wirtschaft und der Angestellten gehen schon einen großen Schritt gemeinsam“, sagt Studienautor David Sebastian Vogl. Ganz im Gegensatz zu Befürchtungen, die
von Arbeitnehmervertretern immer wieder ins Treffen geführt werden, sieht Unternehmensberater Dominic Neumann von der  Der neumanN Consulting mit flexibleren Arbeitszeiten sogar die Aussicht auf mehr Zufriedenheit bei den Mitarbeitern: „Flexibler arbeiten heißt nicht mehr arbeiten, sondern effektiver. Nur so kann die optimale Work-Life-Balance, also das Zusammenspiel von Arbeits- und Privatleben, in idealen Einklang gebracht werden. Das ist auch mir in meinem Leben sehr wichtig.“

 

Verhandlungen gestartet

Für die Arbeiterkammer ist klar: Zuschläge müssen auch bei einer Neuregelung der Maximalarbeitszeit erhalten bleiben. Die Arbeiter kammer legte dazu eine Befragung von 2.000
Arbeitnehmern auf den Tisch. Demnach sind Menschen, die Gleitzeit haben, also ihre täglichen Beginn- und Schlusszeiten selbst aussuchen können, zu rund 70 Prozent zufrieden, nur vier Prozent sind unzufrieden. Dabei aber kritisieren 60 Prozent, dass ihnen Plusstunden gestrichen oder Zuschläge vorenthalten würden. Dem entgegnet der Wirtschaftsbund ganz klar: „Die Unternehmen wollen niemandem Überstundenzuschläge wegnehmen oder zu insgesamt längerer Arbeit zwingen. Es geht nur um eine flexiblere Verteilung der Arbeitszeit.“ So sehen das auch die Unternehmer. „Um auf die Dynamik der Märkte besser reagieren zu können, brauchen wir einen flexibleren Zeitrahmen. Das derzeitige starre Arbeitszeitkorsett schränkt uns ein und schädigt auf Dauer die Wirtschaft“,  betont  Daniela  Müller-Mezin, Geschäftsführerin Müllex-Umwelt-Säuberung GmbH.

 

EU-Recht streng bei Arbeitszeit
Heiß umstritten sind die Regierungspläne zum Thema Arbeitszeit, doch manchmal wird mit unlauteren Mitteln Stimmung gemacht. Denn einer generellen 60-Stunden-Woche und auch einem Zwölf-Stunden-Arbeitstag als Standard schiebt EU-Recht einen Riegel vor, wie der Arbeitsrechtsexperte Christoph Wolf, Partner bei CMS in Wien, unterstreicht. Tatsächlich schreibt eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2003 vor, dass die Wochenarbeitszeit inklusive Überstunden (innerhalb eines Durchrechnungszeitraumes von 17 Wochen) nicht mehr als 48 Stunden betragen darf. Weitere Eckpunkte: Es gilt eine tägliche Mindestruhezeit von elf Stunden und ein Mal pro Woche eine Mindestruhephase von 35 Stunden. Daraus folgt, dass bei mindestens elf Stunden Ruhezeit die tägliche Höchstarbeitszeit 13 Stunden beträgt. Das gilt – ohne dass dies weithin bekannt ist – zum Beispiel für Bundesbeamte. Im Bereich der Privatwirtschaft gilt, wenn man von einer Fülle an kollektivvertraglich geregelten Ausnahmen absieht – eine Höchstgrenze von zehn Stunden Arbeit pro Tag. In einzelnen Wochen darf sich die Summe der Arbeitszeit auf 50 Stunden belaufen. An diesen beiden Schrauben will die Regierung nun drehen – auf zwölf beziehungsweise 60 Stunden. Allerdings soll die Normalarbeitszeit unverändert bleiben – sie variiert zwischen 37,5 und 40 Stunden beziehungsweise acht Stunden täglich. Einer generellen Einführung eines dauerhaft zulässigen Zwölf-Stunden-Tages schiebt ja – siehe oben – die EU-Richtlinie aus dem Jahr 2003 einen Riegel vor. „Von einer generellen Ausdehnung kann daher keine Rede sein, es geht um die Abdeckung eines in Ausnahmefällen auftretenden Spitzenbedarfs. So sieht das Arbeitszeitgesetz ja bereits jetzt die Möglichkeit von Sonderüberstunden  vor, die mit dem Betriebsrat zu vereinbaren sind“, erläutert Arbeitsrechtsexperte Wolf in einem Medienkommentar.

Hier finden Sie die vollständige Ausgabe der Wirtschaftsnachrichten Süd zum Nachlesen.