Aktuelle Ausgabe 11/2017

Foto: iStock.com/Squaredpixels, skodonnell,  Halamka, Willard, joakimbkk, AlexRaths, kamisoka, walik (Montage)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Ja, ich will

Intensiv debattiert die Politik über flexible Arbeitszeiten, einen Zwölf-Stunden-Arbeitstag und die Vier-Tage-Woche. Immer mehr Beschäftigte verfolgen die Debatte mit Unbehagen. Sie wollen einfach mehr arbeiten.

 

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Mit Ende Juni war den Sozialpartnern ein Limit gesetzt, das man dann letztlich trotz „Überstunden“ doch um wenige Tage überzog, was aber auch nichts mehr half: Zwar einigte man sich auf die schrittweise Einführung eines Mindestlohnes, bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit gab es allerdings kein Ergebnis. „Die Sozialpartnerschaft ist tot. Sie weiß es nur noch nicht. Wir brauchen eine neue Standortpartnerschaft, die berücksichtigt, was für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gut ist“, hatte Finanzminister Hans-Jörg Schelling (ÖVP) bereits im Vorfeld der Nichtentscheidung postuliert, der zukünftige Bundeskanzler Sebastian Kurz wenige Tage vor der Nationalratswahl ebenfalls angedeutet, dass eine neue Zeitrechnung beginnen könnte. „Ich glaube, sie werden sich das gefallen lassen müssen.“ Mit „das“ war gemeint, dass ihr Einfluss zurückgedrängt und ihre Funktion als informelle Nebenregierung Geschichte ist.

Wie auch immer: Ob die Sozialpartner wie bisher oder die Regierung mit ihrer Mehrheit im Parlament, flexible Arbeitszeiten sind ein besonders heißes Eisen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik und werden es auch bleiben. Aus Sicht der Unternehmen ist klar: Wer sichere Jobs haben will, muss flexiblere Arbeitszeiten akzeptieren.

Dabei hat das Thema tatsächlich Sprengkraft. „Wir als Arbeitgeber der mittelständischen Industriebetriebe haben oft ein echtes Problem mit zehn Stunden Arbeit pro Tag“, sagt etwa Angelika Kresch, Powerfrau des Kfz-Zulieferers Remus mit der Zentrale im weststeirischen Bärnbach, aber auch mit einer Produktionsstätte in Bosnien. Kreschs Erfahrungen aus der Praxis des Wirtschaftslebens: In Zeiten von Auftragsspitzen wären auch 90 Prozent der Arbeitnehmer bereit, zwölf Stunden zu arbeiten, um dann entsprechend mehr Freizeit zu haben, ist sie überzeugt, setzt aber nach: „Wir dürfen das laut Arbeitszeitgesetz derzeit nicht, dieses muss endlich auf Standards kommen, die dem 21. Jahrhundert Rechnung tragen.“

 

Endlich Nägel mit Köpfen

Arbeiten, wenn Arbeit da ist, damit Arbeit da ist – das ist die Formel, die der Wirtschaftsbund umgesetzt sehen möchte. „Um wettbewerbsfähig bleiben zu können und neue Arbeitsplätze zu schaffen, müssen wir uns den Herausforderungen in der Arbeitsmarktpolitik stellen. In Sachen Arbeitszeitflexibilisierung müssen endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden. Eine Modernisierung des verkrusteten Arbeitszeitgesetzes ist längst überfällig, um dann arbeiten zu können, wenn die Arbeit anfällt. Das wollen sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber“, betont ein Vertreter des Wirtschaftsbundes. Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches haben sich Gewerkschaft und Arbeiterkammer beim Thema Arbeitszeitflexibilisierung mittlerweile einzementiert. Die Position des ÖGB ist dabei klar: Komme es zu einer Flexibilisierung der Arbeitszeit, dürfe es nicht zu Lohnverlusten führen. „Schon jetzt läuft der Trend durch Teilzeit darauf hinaus, dass es zu einer Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich kommt“, mahnt man beim ÖGB in Kärnten.

Kein Grund zur Sorge, winkt da unter anderem die Industriellenvereinigung ab: „Es geht nicht um generell längere Arbeitszeiten, sondern es soll dann gearbeitet werden können, wenn es sinnvoll ist. Die Arbeitszeit bleibt dabei insgesamt gleich.“

 

Warum muss ich aufhören?

Ganz praktisch kennt diese Situation Christine Dressler-Korp von den Elektro-Installationsbetrieben Friebe in Graz: „Chefin, warum darf ich das nicht jetzt fertigmachen und dafür morgen daheim bleiben? Das spart mir zwei Stunden Arbeit und mit der An- und Abfahrt einen halben Tag“, hört die Unternehmerin immer wieder. Allein der rechtliche Rahmen gibt derzeit flexible Lösungen, wie sie einem modernen Wirtschaftsleben entsprechen würden, einfach nicht her. Anderer Ansicht ist da Martin Risak, Professor für Arbeitsrecht und Sozialrecht an der Universität Wien: Es gebe durchaus die Möglichkeit von Sonderüberstunden bis zu 24 Wochen im Jahr mit Betriebsvereinbarung, den vollkontinuierlichen Schichtbetrieb sowie Arbeitstage von mehr als zehn Stunden bei einer Vier-Tage-Woche. Wenn nun die Höchstarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden ausgeweitet wird, wie von den Arbeitgebern gefordert, „wird die 13. und 14. Stunde ein Problem sein“.

Grundsätzlich bräuchten sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer flexible Arbeitszeiten, betont auch der Wissenschafter. Idealerweise profitierten von einer neuen Regelung beide Seiten, die Firmen und die Beschäftigten, so wie zum Teil jetzt schon bei der Gleitzeit, sagt Risak. Längerfristig denkt der Experte an das Recht der Arbeitnehmer auf Teilzeit oder das Recht von Teilzeitbeschäftigten, wieder auf Vollzeit aufzustocken. Unabdingbar seien jedenfalls die Rahmenbedingungen. „Wenn Eltern zum Beispiel kurzfristig keine Kinderbetreuungseinrichtung finden, die ihr Kind auch elf oder zwölf Stunden am Tag nimmt, seien sie von bestimmten Wirtschaftssegmenten mit überlangen Arbeitstagen ausgeschlossen.“

 

Schweden als Vorbild

Das ist die wissenschaftliche Sicht, die Praxis hingegen sieht anders aus, wie Unternehmer entgegenhalten. „Die vierte industrielle Revolution, die Digitalisierung der Wirtschaft, ist bereits voll im Gange. Die Betriebe müssen sich dieser gewaltigen Herausforderung stellen“, unterstreicht Johann Hackl, Geschäftsführer der Eco Technologies Planungs-, Entwicklungs- und HandelsgesmbH in Lebring. Und weiter: „Mit Arbeitsgesetzen aus dem vorigen Jahrtausend ist das aber nicht möglich. Wir fordern flexiblere Arbeitszeiten mit mehr Entscheidungsfreiheiten sowohl für die Arbeitnehmer wie auch für die Arbeitgeber. In einigen Ländern wurden bereits bahnbrechende Ideen umgesetzt. Nehmen wir uns ein Beispiel an Schweden.“

Dabei wissen auch die Arbeitnehmer, dass im Sinne sicherer Jobs Flexibilität gefordert ist. Ungebrochen hoch ist sowieso die Bereitschaft, Überstunden zu leisten oder sogar zwölf und mehr Stunden am Tag zu arbeiten und dafür etwa einen Tag freizubekommen, geht aus einer aktuellen Studie des market-Instituts hervor. Dass flexible Arbeitszeiten immer wichtiger werden, ist 91 Prozent der Befragten bewusst. Das wird auch weitgehend positiv gesehen, weil damit ihrer Meinung nach Arbeitsplätze abgesichert (86 Prozent) und Kündigungen vermieden werden könnten (79 Prozent). Auch sei es möglich, damit einen Überstunden-Polster aufzubauen und diesen später als Freizeit zu konsumieren (76 Prozent). Durch die flexiblen Arbeitszeiten würden aber auch die Belastungen stark ansteigen, meinen 54 Prozent. Dagegen gehen nur 45 Prozent davon aus, dass damit mehr verdient werden kann.

 

Beide sitzen in einem Boot

Der internationale Vergleich zeigt, dass, je moderner eine Volkswirtschaft sei, es umso mehr flexible Arbeitszeiten gibt, wie etwa in Finnland oder Schweden. Auch einen Trend zu Arbeitszeitverlängerungen gibt es, etwa in Finnland und der Schweiz. „Die Bedürfnisse der Wirtschaft und der Angestellten gehen schon einen großen Schritt gemeinsam“, sagt Studienautor David Sebastian Vogl.

Diese wechselseitige Zufriedenheit spricht auch Daniela Gmeinbauer, Geschäftsführerin des Grazer Art&Fashion Teams, an: „Dass Unternehmer aufgrund von Angebot und Nachfrage noch wettbewerbsfähiger handeln können, wird durch flexiblere Arbeitszeiten unterstützt und fördert gleichzeitig auch die betriebliche Zufriedenheit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.“

Ganz im Gegensatz zu Befürchtungen, die von Arbeitnehmervertretern immer wieder ins Treffen geführt werden, sieht Unternehmensberater Dominic Neumann von DerneumanN Consulting mit flexibleren Arbeitszeiten sogar die Aussicht auf mehr Zufriedenheit bei den Mitarbeitern: „Flexibler arbeiten heißt nicht mehr arbeiten, sondern effektiver. Nur so kann die optimale Work-Life-Balance, also das Zusammenspiel von Arbeits- und Privatleben, in idealen Einklang gebracht werden. Das ist auch mir in meinem Leben sehr wichtig.“

 

Verhandlungen gestartet

Für die Arbeiterkammer ist klar: Zuschläge müssen auch bei einer Neuregelung der Maximalarbeitszeit erhalten bleiben. Die Arbeiterkammer legte dazu eine Befragung von 2.000 Arbeitnehmern auf den Tisch. Demnach sind Menschen, die Gleitzeit haben, also ihre täglichen Beginn- und Schlusszeiten selbst aussuchen können, zu rund 70 Prozent zufrieden, nur vier Prozent sind unzufrieden. Dabei aber kritisieren 60 Prozent, dass ihnen Plusstunden gestrichen oder Zuschläge vorenthalten würden.

Dem entgegnet der Wirtschaftsbund ganz klar: „Die Unternehmen wollen niemandem Überstundenzuschläge wegnehmen oder zu insgesamt längerer Arbeit zwingen. Es geht nur um eine flexiblere Verteilung der Arbeitszeit.“ So sehen das auch die Unternehmer. „Um auf die Dynamik der Märkte besser reagieren zu können, brauchen wir einen flexibleren Zeitrahmen. Das derzeitige starre Arbeitszeitkorsett schränkt uns ein und schädigt auf Dauer die Wirtschaft“, betont Daniela Müller-Mezin, Geschäftsführerin Müllex-Umwelt-Säuberung GmbH.

Jetzt wird es aber im Zuge der Regierungsverhandlungen noch einmal spannend: Erteilt die neue Regierung den Sozialpartnern noch einmal den Auftrag, eine Einigung beim Thema Arbeitszeit zu erreichen, oder nimmt sie sich der Angelegenheit direkt an? So wie es im Moment aussieht, könnte gut sein, dass ÖVP und FPÖ den Sozialpartnern diesmal keine weiteren „Überstunden“ aufbürden.

Hier finden Sie die vollständige Ausgabe der Wirtschaftsnachrichten Süd zum Nachlesen.