Aktuelle Ausgabe 10/2017

Fotos: Stadtgemeinde Kapfenberg, LPD/Gernot Gleiss (Montage)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Fotos: Stadtgemeinde Kapfenberg, LPD/Gernot Gleiss (Montage)

 


Zurück in der Zukunft

Foto: Voestalpine

Über dem Süden Österreichs gibt es wirtschaftliche Thermik – ob in der Industrieregion
Obersteiermark oder im Technologieland Kärnten. Die Vernetzung von Bildung, Forschung und Entwicklung, von Unternehmen und Institutionen trägt Früchte.

 

Foto: Voestalpine

 

 

Damals war Franz Lercher Mitte 20 und werkte als Schlosser in den Vereinigten Edelstahlwerken VEW in Kapfenberg – und er war Augen- und Ohrenzeuge eines denkwürdigen Auftritts am 16. Juni 1987. Nach Jahren, in denen sich Problem um Problem im Konglomerat der Verstaatlichten Industrie aufgetürmt hatte, war der Punkt erreicht, an dem es offenbar kein Zurück mehr gab. Im Hotel Böhlerstern tagten die Betriebsräte, die aus allen VEW-Konzernteilen einbestellt worden waren – mit dabei auch der oberste Chef der Verstaatlichten: Dem Spitzenmanager Hugo Michael Sekyra sollte die Aufgabe zufallen, ein Reformkonzept mit tiefen Einschnitten zu präsentieren – als sich vor dem Konferenzort protestierende VEW-Mitarbeiter versammelten. „Die Stimmung war wirklich aufgeheizt“, erinnert sich Lercher. Und tatsächlich kam es zu einem lautstarken Disput zwischen Sekyra und den erbosten Stahlarbeitern. Dabei kam aus Sekyras Mund der legendäre Satz, der einem Offenbarungseid gleichkam: „Wir sind pleite! Verstehen Sie doch! Wir sind pleite.“ Von der Pleite zum Weltmarkt

„Alles Vergangenheit, alles vorbei“, sagt Lercher heute, der sich mitunter aber schon noch ärgern kann, wenn von der Mur-Mürz-Furche in einer Art die Rede ist, in der die Ereignisse von damals aufgewärmt werden und die Tristesse und der Niedergang der Stahlregion weiter mitschwingen. Enorm viel hat sich nämlich in den vergangenen vier Jahrzehnten zwischen Judenburg und Mürzzuschlag getan. Die Verstaatlichte Industrie wurde radikal reformiert, entpolitisiert, modernisiert und privatisiert – und nach gut zehn Jahren trugen diese Bemühungen Früchte. Seither geht es – natürlich nicht losgelöst von der internationalen Konjunktur – langsam, aber stetig bergauf. Aktuellster Fall: Bis zu 350 Millionen Euro investiert die voestalpine in ein komplett neues volldigitales Edelstahlwerk in Kapfenberg.

„Wir haben zwölf Weltmarktführer, 14.000 Arbeitsplätze, ein aktuelles Investitionsvolumen von mehr als 150 Millionen Euro“, freut sich der neue Kapfenberger Bürgermeister Fritz Kratzer (SPÖ). Kapfenberg sei ein goldener Boden zum Investieren – siehe die Eliteschmiede Pankl Racing Systems oder auch die voestalpine-Tochter Böhler. Nicht eingerechnet ist bei dieser Summe ein neues Stahlwerk, das in Kapfenberg entstehen soll – das Erste in Europa seit mehr als vier Jahrzehnten, das ein Konzern auf die grüne Wiese stellen möchte.

Ja, man setzt wieder und weiter auf Stahl. Wer hätte das vor 40 Jahren gedacht? Wer dies vorausgesagt hätte, der wäre wohl für verrückt erklärt worden. Aber in den Jahren der Krise, als das Land „ein Sanierungsfall“, so der Volkswirtschaftsprofessor Michael Steiner, geworden war, zeigten die Steirer auf wirtschaftlicher und politischer Ebene, was in ihnen steckt. Das Zauberwort hieß „Cluster“ und stand am Beginn einer neuzeitlichen Heldengeschichte.

Cluster und Brain

Denn nach dem Zusammenbruch der großen Industrie ergab sich die Frage, wie man wirtschaftspolitisch sinnvoll mit den kleinen Restfirmen umgehen könne. „Die Steiermark war damals das erste Land, das die Cluster-Idee nach Michael Porter übernommen hat“, sagt Steiner. Ökonom Porter, der an der Harvard Business School unterrichtet, entwickelte in den neunziger Jahren die Idee, die Kooperation verschiedener Unternehmen in einem Wirtschaftraum gezielt zu unterstützen, um auf dem Weg der Kooperation wirtschaftlichen Erfolg möglich zu machen. Bei der OECD stand man noch 1998 diesem Konzept skeptisch gegenüber, weil man dahinter eine neue Methode des staatlichen Eingreifens in wirtschaftliche Abläufe sah. Neben der Verknüpfung von Unternehmen nach Branchen hat sich der Ausbau der materiellen Infrastruktur durch Schnellstraßen, Autobahnen und Schienen sowie die Investition in Bildung mehr als bezahlt gemacht. Ein aktuelles Beispiel ist Smart Production, also die Vernetzung von Maschine, Mensch und Dienstleistungen über die gesamte Produktion hinweg. So entsteht an der Fachhochschule Joanneum in Kapfenberg ein rund 500 Quadratmeter großes Labor, in dem Studierende und Unternehmen Produktionstechniken der Industrie 4.0 erproben können. „Unsere Vision ist ein moderner, offener Platz für Kreativität und Innovation mit dem Schwerpunkt auf digitaler Produktion und einem öffentlichen zugänglichen FabLab“, schildert Lab-Leiterin Barbara Mayer die Idee hinter dem Laboratorium. Auch die Stadt Kapfenberg beteiligt sich mit 1,2 Millionen Euro an der kleinen, aber feinen Versuchsstation. Bürgermeister Kratzer: „Das ermöglicht den Unternehmen eine starke Intensivierung der Digitalisierungsprozesse und wertet den Hochschulstandort auf.“ Millioneninvestitionen

Wenige Kilometer westlich sieht man die Entwicklung genauso – in den vergangenen Jahren hat sich in Leoben der Campus der Montanuniversität ins Stadtzentrum ausgeweitet. Neue Gebäude wurden errichtet, in alten Gemäuern neue Institute, Labors und Werkstätten untergebracht. „Nur wenige Städte haben einen derart markanten Wandel wie Leoben. Das Erscheinungsbild unserer Stadt hat sich nachhaltig modernisiert“, sagt Bürgermeister Kurt Wallner (SPÖ). Die Stadt sei das urbane Zentrum der Obersteiermark, das universitäre Leben blühe geradezu auf in den vergangenen Jahren.

Und nicht nur in der altehrwürdigen Montanuniversität weht der Wind der Zukunft – auch am Rande der Stadt: Erst Ende September versammelte sich die Führungsetage der voestalpine, um das weltweit moderneste Drahtwalzwerk in Betrieb zu nehmen. Einen dreistelligen Millionenbetrag steckte man in die Produktionsstätte, in der jährlich bis zu 550.000 Tonnen Draht für den Automobil- und Energiesektor hergestellt werden können. Damit aber nicht genug: Um den Standort abzusichern, werden rund 100 Millionen Euro in eine neue Stranggussanlage investiert, dazu kommt ein völlig neues Forschungszentrum, in dem Produktionsprozesse in Kleinmengen simuliert werden können.

Verbunden sind damit Exporterfolge – rund um den Globus: Für den Gotthard-Tunnel in der Schweiz etwa lieferte die voestalpine alle 43 benötigten Hochleistungsweichen samt Antriebs-, Stell-, Verschluss- und Überwachungssystem sowie 18.000 Tonnen 120 Meter lange Schienen. Die Weichen stammten von der voestalpine VAE GmbH mit Sitz in Zeltweg. Bürgermeister Hermann Dullnig: „Zeltweg war traditionell eine wichtige Industriestadt und wird es auch in Zukunft bleiben.“

So greift eins ins andere – zwischen Montanuni und unternehmenseigener Forschung verkehrt ein Brain-Train, das macht sich unter dem Strich bezahlt: Mit 5,16 Prozent Anteil von Forschung und Entwicklung am regionalen Bruttowirtschaftsprodukt ist die Steiermark – letztverfügbare Daten für das Jahr 2015 – Europameister. „Das ist ein großer Erfolg, aber es liegt noch viel Arbeit vor uns, denn nur wer in Forschung und Entwicklung investiert, hat den Fuß in der Tür der Zukunft der Arbeitsplätze“, sagt Vize- LH Michael Schickhofer. Ein entscheidender Faktor werde sein, Fachkräfte mit höchster technischer Kompetenz anbieten zu können.

Kooperation im Süden

Dass Wirtschaft zwar Wettbewerb ist, aber Kooperation mitunter eher zum Ziel führt, haben Steiermark und Kärnten jedenfalls erkannt. Zum ersten Mal war eine gemeinsame Delegation von Spitzenvertretern bei der Europäischen Kommission in Brüssel, um die Forschungsregion Süd vorzustellen. „Es ist wichtig, dass wir unsere internationalen Kontakte insbesondere auf europäischer Ebene nutzen, um unsere anerkannte Vorreiterposition in Österreich bei Forschung, Entwicklung und Innovation nicht nur zu halten, sondern mit Unterstützung der EU ausbauen“, sagt Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ).

So baut Kärnten seine Mikroelektronik-Kompetenz in Villach aus, mit Landesförderungen und EU-Mittel werden Reinraum-Geräte für das Carinthian Tech Research angeschafft. Es gehört zu den größten anwendungsorientierten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen im Bereich der intelligenten Sensorik und Systemintegration. Dort können Unternehmen die Einrichtungen und das Know-how von 70 Forschern nutzen und neue Produkte sowie Dienstleistungen entwickeln. Das neue Herzstück ist der 300 Quadratmeter große Forschungsreinraum. „Es ist der nächste Schritt in Richtung Technologieentwicklung“, erläutert CTR-Vorstand Werner Scherf. In Villach werde Weltklasseforschung betrieben, die speziell in der Verschränkung mit dem Mikroelektronik-Cluster und in der Zusammenarbeit mit einschlägigen Unternehmen in der Steiermark weit über Kärnten hinausstrahle.

Silicon Austria, nicht Valley

Wobei diese Zusammenarbeit im großen Stil ausgebaut wird: Silicon Austria heißt das Leitprojekt nicht zufällig nach dem Kreativtal in Kalifornien. Ab Herbst werden in das neue Mikroelektronik-Zentrum mit Standorten in der Steiermark, Kärnten und Oberösterreich 280 Millionen Euro investiert. Bund und die drei Bundesländer steuern 140, der Fachverband der Elektronik- und Mikroelektronikindustrie dieselbe Summe bei. Da Mikroelektronik zur zentralen Ressource für fast alle Technologien geworden sei, gelte es hier die reichlich vorhandene, aber fragmentierte Forschungslandschaft zu bündeln.

Mit diesem Konzept im Rücken könne man es auch als kleines Land mit Technologieriesen aufnehmen, ist FEEI-Vizepräsidentin und Infineon-Österreich- Chefin Sabine Herlitschka überzeugt. Silicon Austria sei die große Wachstumschance für den Wirtschaftssektor mit aktuell 63.000 Beschäftigten in 188 heimischen Betrieben. Aber auch in Graz darf man sich über Silicon Austria sehr freuen: Geschäftsführung und Koordination werden an der Mur angesiedelt.

Hier finden Sie die vollständige Ausgabe der Wirtschaftsnachrichten Süd zum Nachlesen.