Aktuelle Ausgabe11/2017

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Alles Schwindel, oder was?

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Weil der Koch fehlt, bleibt die Küche kalt. Weil es an Pflegepersonal mangelt, leidet die Betreuung der Senioren, und die verarbeitende Industrie leidet unter immensen Umsatzeinbußen, weil sie viele Fachkräfte-Stellen nicht besetzen kann. Die Aufreger sind nicht neu, und es wird zu wenig dagegen unternommen. Das Schlagwort vom Fachkräftemangel verdient eine objektive Analyse.

 

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W enn in den alpinen Tourismuszentren die Köche fehlen, ist das ein Mangel, der sich zeitlich und örtlich begrenzt darstellt. Weil es offensichtlich nicht mehr zumutbar ist oder als unzumutbar wahrgenommen wird, hat sich nicht nur der Begriff des Saisonarbeiters verflüchtigt, sondern auch die Bereitschaft, im Winter am Arlberg zu kochen und während des Sommers an einem der Salzburger Seen. Freilich haben Hoteliers und Gastwirte bis in die jüngste Vergangenheit das ihrige dazu beigetragen, dass den Saisoniers der Spaß an der Arbeitsfreude vergangen ist. Und einige sind noch immer fleißig dabei, Mitarbeiter wie Milchkühe zu behandeln. Trotzdem brauchen Hotellerie und Gastronomie winters wie sommers bestens geschultes und hoch motiviertes Personal, um den Standard des Tourismusstandortes Österreich nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Das dafür notwendige Fachpersonal lässt sich nicht aus bevölkerungsarmen Alpentälern rekrutieren. Es muss importiert werden, am besten aus dem Osten des Landes, insbesondere aus der Bundeshauptstadt, wo tatsächlich auch ein Überschuss an Köchen herrscht. Das muss dem Arbeitgeber etwas wert sein und verlangt im Gegenzug vom Arbeitnehmer Bereitschaft und Engagement.

Unsere Gesellschaft altert. Auch das ist kein Geheimnis, das erst jüngst entdeckt wurde. Allein seit Mitte der 1970er-Jahre – was etwa zwei Generationen entspricht – hat sich die Lebenserwartung bei Frauen um etwa acht und bei Männern um etwa drei Jahre erhöht. Und sie steigt weiter, was der medizinischen Entwicklung, der geringeren Arbeitsbelastung und auch dem Lebensstil geschuldet ist. Ein längeres Leben bringt in der Regel ein Mehr an Krankheiten und eine längere Zeit der Gebrechlichkeit mit sich, vor allem bei den aktuell betagten Frauen und Männern, die noch für den Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg geschuftet haben. Es gibt kaum ein Berufsbild, das weniger Wertschätzung erfährt als das des Pflegepersonals in Seniorenheimen. Welch ein Wunder, wenn hier von Fachkräftemangel die Rede ist. Mit einer Änderung der Rahmenbedingungen könnte dem Mangel schnell begegnet werden: mehr Wertschätzung und damit einhergehend eine bessere Entlohnung. Jakob Osman, deutscher Experte für Employer Branding, bringt es auf den Punkt: „Auch Menschen ohne Studium müssen fair bezahlt werden.“

Ein tatsächlicher Engpass besteht in der verarbeitenden Industrie, vor allem im Maschinen- und Autobau sowie in der Informatik. Wohl auch deshalb drängt Peter Koren, Vizegeneraldirektor der Industriellenvereinigung, IV, darauf, dass es sich beim Thema Fachkräftemangel um keinen Mythos handle. Die Industrie sucht tatsächlich händeringend nach sogenannten MINT-Absolventen, Fachkräfte aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Hier rekrutiert sich der Mangel aus den gravierenden technologischen Veränderungen und einem zu zögerlichen Antizipieren der sich daraus ergebenden neuen Berufsfelder.

 

Zur Begriffsdefinition

Der Begriff Fachkräftemangel ist zuallererst ein gern und viel verwendetes Schlagwort, dem aber eine verbindliche und allgemein gültige Definition fehlt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Deutschland versteht unter einer Fachkraft „einen Erwerbstätigen mit akademischem Hochschulabschluss, abgeschlossener Lehre oder einem Abschluss als Meister …“. Erwerbstätige, die keines dieser Merkmale aufweisen, werden als „gering qualifiziert“ bezeichnet.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung kommt in einer empirischen Analyse zum Fachkräftemangel zu dem Schluss, „dass der Begriff einerseits den Mangel an Fachkräften mit bestimmten Berufsausbildungen bedeutet, andererseits auch den Mangel an Zusatzqualifikationen, welche in einer entsprechenden Berufsausbildung im Regelfall erlernt werden sollten“.

 

Maßnahmen gegen den „Fachkräftemangel“

Die herausfordernde Allianz aus wachsendem internationalen Wettbewerb, verändertem Konsumverhalten und rasch fortschreitender Digitalisierung der Welt und ein zu langsames Reagieren darauf haben die Problemlage maßgeblich geschaffen. Hinzu kommen noch demografische Veränderungen wie das Altern der Gesellschaft, das Ausscheiden der Babyboomer-Generation aus dem aktiven Erwerbsleben und der fehlende Nachwuchs. Das Versagen liegt gleichermaßen bei Politik und Gesellschaft und zentriert sich vor allem um das Thema Bildung. In Österreich wurde zwar eine Ausbildungspflicht für Jugendliche (siehe Kasten) beschlossen. Sie ist am 1. Juli 2017 in Kraft getreten und Verstöße dagegen werden ab 1. Juli 2018 geahndet. Wie sich die etwas zahnlos wirkende Maßnahme in der Praxis umsetzen lässt, wird sich noch weisen. Viel wichtiger wäre jedoch, insbesondere in Fällen, bei denen die Familie ausfällt, die gemeinsame Anstrengung von Schule, AMS und anderen Einrichtungen, dass eine Ausbildung für Jugendlich bis 18 Jahren und darüber hinaus zur großen Selbstverständlichkeit wird.

 

Höhere Jobchancen

Wie wichtig ein Lehrabschluss generell ist, beweist nicht zuletzt die Statistik: Die Arbeitslosenquote von Personen, die nur einen Pflichtschulabschluss erreicht haben, lag 2016 bei 26 Prozent, jene mit Lehrabschluss bei 7,9 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit inklusive Schulungen ist in jüngster Zeit zwar um 7,6 Prozent gesunken, liegt jedoch für einen der reichsten Industriestaaten immer noch viel zu hoch.

Zur Integration jugendlicher Asylwerber in den Arbeitsmarkt betont AMS-Vorstand Johannes Kopf, dass für die Ausbildungsplätze ohnehin nur „einige, wenige Hundert Asylwerber“ infrage kämen, und entkräftet damit auch das gerne wiederkehrende Argument, wonach Österreichern durch Asylwerber Lehrstellen weggenommen werden könnten. „Wir haben aktuell 1.075 mehr freie Lehrstellen als vor einem Jahr und 133 weniger lehrstellensuchende Jugendliche. Von den zuletzt 99.570 Lehrlingen österreichweit waren nur 2,8 Prozent Flüchtlinge, dabei handelt es sich real um 2.268 jugendliche Personen.“ Sollte der Lehrstellenmarkt geöffnet und das AMS für die Vermittlung der Ausbildungsplätze zuständig werden, könnten auch Betriebe verstärkt profitieren, betont Kopf. Da 60 Prozent aller Asylberechtigten in Wien leben, das Gros der offenen Lehrstellen aber in Westösterreich verfügbar ist, hilft das AMS Jugendlichen, ebendort eine Lehrstelle zu finden, und unterstützt die Betriebe durch Förderungen, Sprachkurse und Coachings.

Hier finden Sie die vollständige Ausgabe der Wirtschaftsnachrichten West zum Nachlesen.