Ihr Auftritt, Herr Präsident!

Warum polarisiert Multifunktionär Mahrer?

Es ist unwidersprochen: Die Regierung hat in der Corona-Krise viel mehr richtig gemacht als falsch. Was allerdings falsch – oder besser gesagt: gar nicht – gelaufen ist, ist das Fehlen eines Österreich-Konvents, der sofort mit Mitte März 2020 die notwendigen wirtschaftlichen Steuerungen zumindest bis Ende des Jahres in Schritten je nach Pandemie-Situation hätte evaluieren sollen. Ein Wirtschaftsweisenrat, der einen Masterplan für die Wirtschaft entwickelt, an dem sich Unternehmen für die „Zeit danach“ aufrichten können. Eine Zeit ohne Oppositionshickhack. Und ohne Untersuchungsausschüsse: Bitte weiterermitteln bis Ende des Jahres, aber den öffentlichen Raum aktuell freihalten für existenzielle Themen! Es fehlen die Moderatoren, die Krisenbewältiger, die Best-Practiser… die Kapitäne, die aus den Passagieren Crewmitglieder machen. Jetzt ist Führungsqualität gefragt. Leadership eben!

Wo bleibt die volkswirtschaftliche Ansage, wo die Krücke, die die Wirtschaftstreibenden brauchen, um sich aus dem Sumpf der Malaisen selbst herauszustemmen? Betriebswirtschaftlich muss ohnehin jedes Unternehmen selbst Entscheidungen treffen und Lösungen finden. Was jetzt in der Phase des bevorstehenden Aufbaues unabdingbar ist, sind die Vorbilder, die die Ärmel hochkrempeln unter der Prämisse: „Lass uns an uns selbst glauben und uns alle tragen!“

Genau eine solche Aufgabe ist dem Ersten, dem Oberhaupt der Wirtschaftskammer, auf den Leib geschrieben. Dafür braucht es den Interessenvertreter, den Mitgliederversteher, den Kenner der DNA der österreichischen Unternehmer.  Der Frage, ob Harald Mahrer dieses WKO-Oberhaupt ist, soll hier nachgegangen werden.

29.5.2020: Die AK gibt eine Pressekonferenz zur hochemotionalen Thematik: Forderung nach Verdienstanhebung der „systemrelevanten Berufe“. Von der wirklich eloquenten AK-Präsidentin Renate Anderl wird ca. eine Million Werkstätiger vor den Vorhang gebeten. Nun könnte man davon ausgehen, dass prompt der Einspruch käme, nicht lediglich diese starke Million sei systemrelevant, sondern vielmehr rund 4,4 Millionen Bürger Österreichs. Nämlich alle die, die vor, während und nach der Krise mit ihren Dienstleistungen und Produkten die Wirtschaft am Laufen halten: unter ihnen neben den Bauern, den Beamten und den Freiberuflern eben auch die Unternehmer mit ihren Mitarbeitern – von den Konzernen bis zu den Einzelunternehmern –, die durch die WKO vertreten werden. Und man könnte auch davon ausgehen, dass deren vermeintliches Sprachrohr, Harald Mahrer, nun auf den Plan tritt. Leider nein! Wie auch schon im Sommer 2018 nach Veröffentlichung des hochnotpeinlichen, schlussendlich vergeigten cartoonähnlichen WK-Videos – und nach dessen ebenso schnellem Verschwinden von der medialen Bühne –, wo Mahrer in Deckung bleibt. Ebenso nach dem „Zwölf-Stunden-Tag/60-Stunden-Woche der Hilfsköchin“ im Dezember 2018, wo Mahrer in Deckung bleibt. Man hört von ihm erst wieder aus der Opernball-Loge im Februar 2020 mit dem bornierten Statement: „Wir trinken nur Mineralwasser, weil wir sparsam mit den Mitgliedsbeiträgen umgehen.“ (Das „Hihi“ klingt noch in meinem Ohr …)

Verblüffend die Zeitgleichheit: Am 29.5. (also am Tag der AK-PK) zeigt sich Mahrer der Öffentlichkeit – allerdings vor dem gutsortierten Weinregal mit der ominösen Magnum-Flasche im „Falstaff“. Wen wundert es sodann, dass Anneliese Rohrer in der „Presse“ unter dem Titel „Automatisierte Pflanzerei und der ruinierte Ruf des Harald Mahrer“ die schon lachhaften 56,50 Euro an Hilfsgeldern für Klein- und Kleinstunternehmer thematisiert? Wen wundert, dass Conny Bischofberger in der „Krone“ am 2.6. in ihrer Kolumne „Mahrer für das Fiasko mitverantwortlich“ macht, dass das „Geld aus dem von der WKO verwalteten Corona-Hilfsfonds mehr stockt als fließt“? Am 3.6. reagiert die WKO: auf der gut gebuchten Google-Startseite mit einem Themenfeuerwerk über die Maßnahmenlockerungen in Gastronomie, Hotellerie und Verkehr und immer mit einleitender und/oder abschließender Wortspende des Präsidenten Harald Mahrer. Angriff ist offensichtlich die beste Verteidigung. Am 4.6. erscheint in der „Presse“ sogar ein weinerlicher Kommentar aus Wolfgang Rosams Feder, seines Zeichens externer PR-Berater, Cartoon-Video- und Magnum-Flaschen-Kreateur und Freund Mahrers. Der Titel könnte nicht treffender lauten: „Weil Mahrer es sagt, stört es!“ Und vergeblich wartet man noch immer auf die Reaktion des WKO-Präsidenten zur „Systemrelevanz der österreichischen Wirtschaftstreibenden und deren Mitarbeiter“.

Bei aller Notwendigkeit des 1000 Quadratmeter großen in Bau befindlichen Newsroom der WKO: Eine dermaßen schiefe Optik ließe sich auch durch einen zehnmal so großen Newsroom schwer begradigen.

In der WKO – ob Bundes- oder Länderorganisation – steckt dermaßen viel an Eloquenz und Expertise, an enormem Know-how, arbeiten engagierte und kompetente Mitarbeiter, die es nicht verdienen, dass durch eine absolut misslungene Performance des Präsidenten deren Arbeit und Engagement ins Hintertreffen gelangen. Meine Bitte als Kammermitglied an Sie, Herr Präsident: „Seien Sie weniger Politiker als viel mehr Lobbyist für uns Wirtschaftstreibende! Weniger verlängerter Arm der Regierung als viel mehr Interessenvertreter für die Unternehmerschaft!“ Dann schaffen wir es gemeinsam, aus der Krise zu kommen: mit möglichst vielen Genesenen, mit möglichst vielen überlebenden Unternehmen und mit dem höchstmöglichen sozialen Zusammenhalt. Neu gedacht, längst bewährt: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Das ist nicht retro, sondern aktueller denn je,

meint

Wolfgang Hasenhütl, Herausgeber

hasenhuetl@euromedien.at

P.S. Wir bleiben dran!

(verfasst am 6.6. zu Redaktionsschluss)

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