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Grün oder nicht grün?

falscher Ökostrom

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Falscher Ökostrom

Noch immer wird Strom aus fossilen oder auch atomaren Quellen als Ökostrom verkauft. Möglich wird dies durch den einfachen und billigen Zukauf grüner Herkunftsnachweise.

Von Ursula Rischanek

Man kennt es aus dem Lebensmittelbereich: Zwar steht auf den Nudeln, wo sie produziert wurden. Aber woher Eier und Mehl tatsächlich kommen, ist auf dem Etikett nicht zu finden. „So ähnlich ist es bei Strom“, sagt Alexander Hofer, Master-Student am Institut für Erneuerbare Energie an der FH Technikum Wien. Nicht alles, was auf den Rechnungen der Stromanbieter als Ökostrom ausgewiesen wird, ist tatsächlich ein solcher. Vielmehr stammt nur ein Teil davon aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne, Wasser oder Biomasse, der Rest wird aus fossilen Energieträgern oder gar in Atomkraftwerken erzeugt. „Durch den einfachen und billigen Zukauf von grünen Herkunftsnachweisen kann diese unsaubere Energie grün gewaschen und als Ökostrom verkauft werden“, erklärt Philipp Rehulka, Geschäftsführer des Ökostromanbieters MeinAlpenStrom, der zwei Wasserkraftwerke betreibt. So kann beispielsweise Kohlestrom an der Strombörse in Leipzig eingekauft werden, aus dem mithilfe eines Wasserkraft-Nachweises aus Norwegen Grünstrom wird. Denn die Herkunftsnachweise werden international gehandelt, in Europa innerhalb eines Zusammenschlusses von 13 europäischen Ländern. Wer ein Überangebot an Herkunftsnachweisen verzeichnet, verkauft diese einfach günstig weiter. Nachweise aus geförderten österreichischen Anlagen kosten derzeit rund 0,07 Cent pro Kilowattstunde. Dieser Weiterverkauf ist völlig legal. Das hat Hofer in einer Studie zum Stromnachweis, die er im Rahmen eines Seminars im Auftrag des Ökostrom-Anbieters MeinAlpenStrom erstellt hat, gezeigt.

Legaler Etikettenschwindel

Die Idee des Herkunftsnachweises würde ja prinzipiell Sinn machen, können doch die Konsumenten durch die Aufschlüsselung des Strommixes die Anteile der einzelnen Primärenergieträger an dem von ihnen konsumierten Stroms erkennen. Der Teufel liegt wie immer im Detail. „Der Punkt ist, dass in Österreich der Handel von Energie und Herkunftsnachweis getrennt erfolgen“, sagt dazu Rehulka. Als im Rahmen der Strommarktliberalisierung ab dem Jahr 2001 zunehmend auch die Erstellung und Verwendung von Herkunftsnachweisen normiert wurde, habe sich die EU nicht auf mehr einigen können. Österreich habe die Vorgaben dann so umgesetzt, so Hofer. „Heute ist nicht mehr erkennbar, welchen Zweck man mit den Herkunftsnachweisen eigentlich verfolgt“, kritisiert er. Nämlich ob er der Transparenz dienen oder als Fördermittel zum Ausbau erneuerbarer Energien dienen sollte.

Verkompliziert wird die Situation dadurch, dass die EU-Richtlinie zur Stromkennzeichnung von den einzelnen Mitgliedsstaaten unterschiedlich umgesetzt worden ist. So werden in Österreich Herkunftsnachweise für elektrische Energie auf Basis eines jeden Energieträgers ausgestellt und zur durchgängig zugeordneten Stromkennzeichnung verwendet. „In Deutschland hingegen gibt es Herkunftsnachweise nur für Ökostrom aus Anlagen, die auf Basis erneuerbarer Energieträger betrieben werden“, so Hofer.

Quersubventionen sind möglich Rehulka stoßen in diesem Zusammenhang zwei Dinge sauer auf: „Zum einen können die Anbieter von echtem Ökostrom dafür keinen höheren Preis verlangen, weil der Mehrwert für die Konsumenten nicht erkennbar ist.“ „Echter Ökostrom hat einen zum Teil stark schwankenden Preis, weil man ihn nicht steuern beziehungsweise derzeit nicht ausreichend speichern kann“, ergänzt Hofer. Zum anderen könne es sein, dass Kunden, die mit ihren Ökostromtarifen eigentlich den Ausbau erneuerbarer Energieträger unterstützen wollen, in Wahrheit unwissentlich und unwillentlich zur Quersubvention von elektrischer Energie auf Basis fossiler Energieträger beitragen. Je nach Betrachtungsweise seien zwischen vier und 15 Prozent der am Tarifkalkulator der E-Control ausgewiesenen Ökostrom-Anbieter als Lieferanten echten Ökostroms anzusehen. Derzeit bieten zumindest 125 der insgesamt 147 Stromanbieter am heimischen Markt einen Ökostromtarif an. Nur 67 davon belegen der Untersuchung zufolge ihren Energiemix mit österreichischen Herkunftsnachweisen. Wiederum zwölf davon gaben an, dass die physikalische Stromlieferung zu 100 Prozent mit den eingesetzten Herkunftsnachweisen gekoppelt sei, was sie zu echten Ökostromanbietern macht. „Wir reden von rund einem Prozent des gesamten am österreichischen Elektrizitätsmarkt verkauften Stroms“, sagt Hofer. WWF Österreich und Global 2000 haben in ihrem Stromanbieter-Check 2018 fest gestellt, dass anstelle von „100 Prozent Grünstrom“ bei mehr als einem Drittel des in Österreich verkauften Stroms mit zugekauften Nachweisen umetikettiert und „grün gewaschen“ wird.

Foto: Dieter Meyerl

Den gesamten Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe WN-D.

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