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Wohlstand ohne Bevölkerungswachstum?


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Der Bruch mit einem veralteten Paradigma

Wirtschaftswachstum und Bevölkerungszunahme stehen seit jeher miteinander in Korrelation. Doch eine steigende Weltbevölkerung hat die Grenzen des materiellen Wachstums erreicht. Was tun, wenn der Kuchen nicht mehr größer wird, aber immer mehr ein Stück davon haben wollen? Digitalisierung und Automatisierung werden langfristig Wohlstand ohne Bevölkerungswachstum ermöglich, sagen Ökonomen.

Von Stefan Rothbart

Noch nie zuvor lebten auf der Erde so viele Menschen wie heute. 7, 71 Milliarden Bewohner zählen die Vereinten Nationen „offiziell“ auf unserem Planeten. Bis 2050 sollen es knapp zehn Milliarden sein. Über Jahrhunderte blieb die Weltbevölkerung mehr oder weniger konstant. Bis ins 16. Jahrhundert betrug sie unter 500 Millionen Menschen. Um das Jahr 1804 wurde die Milliardenmarke überschritten. Seit dem Jahr 1700 stieg die Weltbevölkerung rapide an. Die Verdoppelungszeiträume verkürzten sich von Jahrhunderten auf Jahrzehnte. Demografen sprechen für die letzten 200 Jahre von einem hyperexponentiellen Wachstum. Seit Anfang der 1960erJahre verlangsamt sich die Steigerungsrate wieder. Seit den 1970er Jahren gibt es unter Ökonomen einen Diskurs über die Grenzen der Weltbevölkerung, die in Korrelation mit der wirtschaftlichen Entwicklung steht.

Unzweifelhaft steht die rasante Steigerung in direkter Verbindung mit der industriellen Revolution Anfang des 18. Jahrhunderts. Steigende Bevölkerung ist also ein Resultat steigender Produktivität und umgekehrt. Dadurch, dass mehr Menschen für den Arbeitsprozess zur Verfügung standen und somit mehr produzieren konnten, wuchs auch die Wirtschaft mit der Bevölkerung stetig. Dieses Paradigma funktionierte so lange, wie auch Ressourcen aus der Natur gezogen werden konnten, doch genau da scheint das Wachstum der Wirtschaft und letztendlich auch der Bevölkerung zu enden. Ist Europa überbevölkert und wo liegt unser Bevölkerungsoptimum? Europa ist neben Indien und Südostasien einer der am dichtesten bevölkerten Regionen der Welt. Mit Indien und China assoziiert man sehr leicht das Wort „Überbevölkerung“, mit Europa jedoch kaum, dabei stößt auch unser Kontinent an seine Bevölkerungsgrenzen. Schon länger stellen sich Klimawissenschaftler und Ökonomen die Frage, ob sich effektiver Klimaschutz und Bevölkerungswachstum nicht gegenseitig im Weg stehen.

Tatsache ist, dass weite Regionen des Kontinents ihr Bevölkerungsoptimum überschritten haben. Darunter verstehen Ökonomen die Anzahl an Menschen, die eine Region aufgrund ihrer natürlichen Ressourcen optimal versorgen kann. Wo dieses Bevölkerungsoptimum genau liegt, ist umstritten. Für den österreichischen Ökonomen und Umweltaktivisten Leopold Kohr gab es eine optimale Größe für soziale Einheiten. Nicht nur für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur sei diese entscheidend, sondern auch für den individuell empfundenen Wohlstand. Demnach ist Lebensqualität auch eine Frage von Platz, der dem Individuum zur Verfügung steht.

Aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung, müsse Europas Wirtschaft nachhaltig umgebaut werden, da in Zukunft Wohlstand immer weniger von menschlicher Arbeitskraft abhängen wird. Die Frage ist berechtigt, ob dieser Kontinent noch mehr Menschen verträgt. Dabei muss man über den Tellerrand blicken. Während Österreich und Teile von Deutschland unter Facharbeitermangel leiden, herrscht in vielen Regionen Europas Rekordarbeitslosigkeit. Insgesamt halten sich Arbeitslosenraten und offene Stellen auf dem Kontinent die Waage. Das derzeitige Problem bestehe aber im aktuellen Streben nach einer immer höheren Arbeitsproduktivität, einer unablässigen Produktionssteigerung pro Arbeitsstunde, so der Ökonom Tim Jackson. Produktivitätszuwachs gelte als Motor für den Fortschritt. Für Europa hat das aber auch eine Kehrseite. Wenn die Volkswirtschaften nicht wachsen, steigt die Arbeitslosigkeit und damit erhöhen sich auch die Sozialausgaben, was zu unüberschaubaren staatlichen Schulden führt. Eine höhere Staatsverschuldung geht mit einer Kürzung der öffentlichen Ausgaben einher, was wiederum einen Rückgang der Nachfrage zur Folge hat. 

In Zukunft wird aber ein zunehmender Rückgang von Jobs prognostiziert. Hier liegt auch der große Unterschied von Europa zu anderen dicht bevölkerten Weltregionen. Europas Wirtschaft entkoppelt sich zunehmend von der menschlichen Arbeitsproduktivität. Keine gute Voraussetzung für weitere Zuwanderung. Klima- und Umweltschutz fordern außerdem ein Umdenken. Mit anderen Worten, die Dynamik der steigenden Arbeitsproduktivität ist ökonomisch nicht mehr erfüllbar, ja sogar für den Wohlstand kontraproduktiv.

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Foto: iStock.com/NicoelNino

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