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Wissenslücken schlucken viel Geld


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Um das Finanzwissen der Österreicher ist es schlecht bestellt

Dass sich mit dem Sparbuch real nur noch Verluste erzielen lassen, ist den meisten Österreichern bewusst. Trotzdem halten sie rund die Hälfte ihres Geldvermögens in traditionellen Spareinlagen. Nur knapp ein Viertel des Geldes wird in Wertpapieren veranlagt. Ein Grund dafür ist das hierzulande immer noch sehr ausgeprägte Sicherheitsdenken, ein anderer das mangelnde Wissen um Wirtschaft und Finanzen.

Von Christian Wieselmayer

Die Österreicher lassen ihr Geld trotz einer seit Jahren andauernden Niedrigzinsphase auf dem Konto oder dem Sparbuch liegen, und zwar weit mehr als den berühmten Notgroschen. Bereits im Jahr 2017 platzierten private Anleger in mehr als 50 Ländern weltweit ihr Erspartes nur noch zu 42 Prozent in Bankeinlagen, die Österreicher jedoch weiterhin zu 80 Prozent. Damit fahren die heimischen Haushalte auch die mit Abstand niedrigste Rendite im Euroraum ein, wie der Allianz Global Wealth Report 2018 zeigt. „Die inflationsbereinigte Rendite pro Jahr liegt für Einlagen bei minus 1,6 Prozent. Mit anderen Worten: Seit 2015 haben die Sparer pro Jahr 1,6 Prozent ihres Geldes verloren. Das sind 14,7 Milliarden Euro, die seit 2005 an Kaufkraft verloren gegangen sind“, rechnet Peter Bosek, CEO der Erste Bank, vor. Die logische Konsequenz müsste lauten, sein Geld – zumindest teilweise – auf den Kapitalmarkt umzuschichten. Doch das trauen sich viele Menschen nicht. Die Angst vor Verlusten ist oftmals zu hoch. Einerseits verständlich, meint Peter Bosek, andererseits aber auch ärgerlich: „Durch die regulatorischen Vorschriften muss jeder Kunde, der Wertpapiere kaufen will, darüber aufgeklärt werden, dass es ein Risiko gibt und Verluste entstehen können. Ein Sparbuch bekommt aber jeder. Dass man dabei eine negative Rendite bekommt, sagt einem aber niemand“, merkt der Banker lakonisch an. So kommt es, dass Herr und Frau Österreicher aktuell rund 260 Milliarden Euro horten. Im Vergleich zu 2009 ist das ein Anstieg um 26,5 Prozent.

Finanzielle Allgemeinbildung

Aus mehreren Studien geht hervor, dass es um Österreichs Finanzbildung nicht gerade zum Besten steht. Allein bei der Frage nach dem Unterschied zwischen Aktie und Anleihe scheitert jeder Zweite. Eine Erhebung der Österreichischen Nationalbank (OeNB) bestätigte erst vor Kurzem wieder, dass weit über ein Drittel des heimischen Privatvermögens zinslos angelegt ist. Um in der Lage zu sein, seine Lebensfinanzplanung durchzuführen, ist allerdings ein gewisses Maß an Wissen notwendig. „Man kann ein Portfolio nicht beurteilen, wenn man den Unterschied zwischen einer Aktie und Anleihe nicht kennt“, beschreibt Leo Willert, CEO und Head of Trading ARTS Asset Management, die negativen Auswirkungen des sehr bescheidenen Finanzwissens der Österreicher. „Um Finanzentscheidungen treffen zu können, muss man Zusammenhänge verstehen. Mangelt es an den Basics, dann hilft mir auch ein Berater nichts, weil ich seine Anlagevorschläge nicht beurteilen kann. Das wäre in etwa so, als wolle man höhere Mathematik ohne Grundrechenkenntnisse betreiben.“ Laut S-Immo-Vorstand Friedrich Wachernig fehlt es einem Großteil der Bevölkerung an Basis-Finanzwissen: „Es ist schockierend, wie viele Menschen nicht einmal etwas mit dem Terminus Inflation anfangen können. Der Begriff schwirrt zwar herum, aber die wenigsten können konkret fassen, was er bedeutet. Die Basics werden in der Schule nicht effektiv vermittelt. Das muss sich schleunigst ändern.“ Vor allem weil die Entwicklungen auf den Märkten in den letzten Jahrzehnten dazu zwingen, den Umgang mit Geld zu ändern. Das Sparbuch war in den 1970ern vielleicht eine lohnenswerte Form der Geldanlage, macht aber in Zeiten von Nullzinsen keinen Sinn. „Wir haben nicht nur die Nullzinssituation, sondern auch einen unterentwickelten europäischen Kapitalmarkt“, erläutert Philip List, Direktor des Erste Financial Life Park (FLiP) und ortete einen gravierenden Fehler in unserer Gesellschaft: „Statt aufzuzeigen, was der Kapitalmarkt eigentlich ist und Alternativen für einen Vermögensaufbau zu bieten, wurde der Kapitalmarkt über Jahre verteufelt und die Aktionäre als Spekulanten abgestempelt.“

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Foto: iStock.com/anyaberkut

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