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Graz: Die krankgeredete Stadt


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Graz

Von Feinstaubhochburg bis Bauwut. Zahlreiche negative Begriffe wurden in den letzten Jahren mit der steirischen Landeshauptstadt in Verbindung gebracht. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung resultierte in einer völligen Neuordnung der politischen Verhältnisse nach der letzten Gemeinderatswahl. Doch hat sich Graz in den letzten 20 Jahren wirklich so schlecht entwickelt? Die Daten und Fakten sagen eigentlich das Gegenteil aus.

Von Stefan Rothbart

Seit einigen Wochen ticken die politischen Uhren in der steirischen Landeshauptstadt anders. Nach 18 Jahren ÖVP-geführter Stadtregierung ist nun eine rot-rot-grüne Links-Koalition unter der Führung der KPÖ in das Rathaus eingezogen. Wie es dazu kam, ist eine lange und sicherlich komplexe Geschichte, an der sich Politologen noch einige Jahre in Analysen abarbeiten werden. Als eine Ursache lässt sich aber die zunehmende negative Stimmungslage ausmachen, die seit einigen Jahren verstärkt in Graz aufkam. Die Bevölkerung war zunehmend unzufrieden damit, wie sich die Stadt entwickelte. Bauwut, steigende Wohnungspreise, zunehmender Verkehr und ein angebliches System, das nur den Investoren und der Wirtschaft diente, führten dazu, dass es zum Machtwechsel kam. Auch wenn gewisse Kritikpunkte an der Stadtpolitik sicherlich angebracht sind, muss man sagen, dass die Unzufriedenheit aber auch politisch auf sehr unverantwortliche Weise geschürt worden ist. Exemplarisch konnte man das rund um die Wohnungsdebatte in Graz beobachten, wo Parteien wie die KPÖ oder die SPÖ gezielt Stimmung gegen die Stadtführung gemacht hatten. Dabei schreckte man auch nicht davor zurück, komplette Unwahrheiten zu verbreiten wie die Mär, dass es 38.000 leer stehende Wohnungen in Graz gäbe. Diese Zahl entbehrt jeglicher Grundlage und sieht man sich das Berechnungsmodell dahinter genauer an, so stellt man fest, dass die Gegenden mit dem größten Wohnungsleerstand ausgerechnet Gewerbegebiete sowie Stadtentwicklungszonen wie die Smart City und Reininghaus waren, die sich noch im Bau befinden und logischerweise einen hohen Leerstand aufweisen. Doch politisch hat man solche Zahlen immer und immer wieder behauptet. Die kleinen und größeren Stadtzeitungen haben das geifernd aufgegriffen, ohne zu hinterfragen, und die Menschen waren nur zu bereit, daran zu glauben. Der gefühlte Verlust an Lebensqualität war fruchtbarer Nährboden für so manchen politischen Populismus. Doch hat sich Graz wirklich so schlecht entwickelt? Die Daten und Fakten sprechen eigentlich eine andere Sprache. Die letzten 20 Jahre sind eine veritable Erfolgsgeschichte.

Von der Pensionistenhochburg zur Hightech-Metropole

Wie lässt sich die Entwicklung einer Stadt eigentlich objektiv bewerten? Das subjektive Wohlempfinden ist dafür kaum ein geeigneter Gradmesser. Wirtschaftliche und demografische Indikatoren sind hingegen wesentlich zielführender. Anfang der 2000er-Jahre war Graz eine Abwanderungsstadt. Studierende wanderten nach München oder Wien aus, die Jobperspektiven waren eher schlecht als recht. Neubauten gab es zu dieser Zeit kaum welche. Im Jahr 1971 hatte die Stadt noch knapp 250.000 Einwohner. 1991 waren es dann nur mehr 237.800 und Anfang 2002 überhaupt nur 232.900 Personen. Seither verzeichnet Graz ein ungebremstes Wachstum. Anfang 2021 waren über 290.000 Menschen in der Stadt mit Hauptwohnsitz gemeldet. Dutzende Betriebe haben sich inzwischen angesiedelt, modernste Forschungszentren sind entstanden, in die Universitäten wurde massiv investiert und ganze neue Stadtviertel aus dem Boden gestampft. Graz ist zum wirtschaftlichen Epizentrum im Süden Österreichs aufgestiegen, das seinen Wirkungskreis weit über die Grenzen des Landes erstreckt. Über 50.000 Menschen sind in den letzten 20 Jahren nach Graz gezogen. Freiwillig! Dafür brauchte es Wohnungen. Deswegen wurde in den letzten Jahren viel gebaut.

Chilliges Wirtschaftswachstum

Wirtschaftlich hat sich seither die Lage zum Positiven gewendet. Die Steuereinnahmen wurden mehr, Schulden konnten reduziert werden, der Tourismus florierte, mehr und mehr Menschen bekamen Jobs, die Zahl der Betriebe erhöhte sich ebenso wie das Bildungsniveau der Stadtbevölkerung. 2020 wurde Graz beim „Expat City Ranking“ auf Platz elf von 66 internationalen Städten gewählt und schlug damit sogar die Bundeshauptstadt Wien (Platz 16). Auch im Ranking der weltweit stressfreiesten Städte rangiert Graz unter den Top Ten. Trotz des starken Wachstums blieb Graz also eine der lebenswertesten und „chilligsten“ Städte der Welt. Wahrlich kein Grund zum Jammern.

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Foto: iStock.com/breath10

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