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Land ohne (Arbeits-)Kraft


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Arbeitsmarkt Österreich

Der demografische Wandel wirkt sich immer schneller und deutlicher auf den österreichischen Arbeitsmarkt aus. Inzwischen ist von einem allgemeinen Arbeitskräftemangel in beinahe jeder Branche die Rede. Die Liste der Mangelberufe hat sich in der Steiermark verdoppelt. Arbeitgeber müssen mit vielen Benefits wie Homeoffice und Vier-Tage-Woche aufwarten, um qualifizierte Bewerbungen zu erhalten. Der längerfristige demografische Trend verspricht keine Linderung der Situation.

Von Stefan Rothbart

In der Steiermark hat sich kürzlich die Zahl der Mangelberufe verdoppelt. Darunter sind Berufe zu verstehen, die durchschnittlich unter 1,5 Bewerber pro ausgeschriebene Stelle aufweisen. Für den steirischen WKO-Präsidenten Josef Herk ein Alarmsignal. „Steiermark, wir haben ein Problem“, warnte er und forderte die Politik auf, mit einem Bündel an Leistungsanreizen neue Zielgruppen für den Arbeitsmarkt zu motivieren. Dem gegenüber steht aber ein quasi leer geräumter Arbeitsmarkt. Im September sank die Arbeitslosigkeit laut AMS weiter um 9,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Laut ÖVP-Arbeits- und Wirtschaftsminister Martin Kocher lag die Arbeitslosenquote mit 5,7 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 14 Jahren. Dennoch waren 306.159 Menschen im September ohne Jobs bzw. in Schulung. Erfreulich ist, dass die Arbeitslosigkeit in fast allen Altersgruppen rückläufig ist. Vor allem bei der Jugendarbeitslosigkeit und bei Personen ab 50 Jahren ist ein deutlich rückläufiger Trend zu verzeichnen. Bei den Lehrstellen gab es im September bundesweit 12.225 offene Stellen, dem standen aber nur 7.446 potenzielle Lehrlinge gegenüber.

Wirtschaft entgeht Wertschöpfung

Was für den Arbeitsmarkt so positiv klingt, bereitet vielen Betrieben im Land Kopfzerbrechen. Trotz des aktuell schwierigen wirtschaftlichen Umfelds sind die Auftragsbücher vieler Firmen voll, die Nachfrage weiterhin stark. Doch es fehlt zusehends an Mit- arbeiterinnen und Mitarbeiter, um diese Nachfrage auch abarbeiten zu können. Dies wirkt sich vermindernd auf die Wertschöpfung im Land aus. Der Arbeitskräftemangel ist wie ein Deckel für das Wirtschaftswachstum. Nicht nur dass das einen Schatten auf die Finanzierungsfähigkeit unseres Sozialstaates wirft, weil immer weniger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer scheinbar zur Verfügung stehen, um in das System einzuzahlen, auch die Produktivität fehlt in sehr wesentlichen Bereichen der Wirtschaft. Am Beispiel der steirischen Mangelberufsliste wird ersichtlich, dass vor allem die Fachkräfte für die Energiewende knapp werden. So sind beispielsweise Starkstromtechniker und Elektroinstallateure ganz oben auf der Mangelberufsliste. Aktuell fehlen in der Steiermark schon in 155 Berufen die Bewerber. In den anderen Bundesländern sieht es ähnlich aus.

Pensionswelle der Babyboomer

Die aktuell angespannte Situation ist aber auch ein gewisses Jammern auf hohem Niveau, denn der Arbeitskräftemangel ist vor allem deshalb für die Betriebe spürbar, weil die Nachfrage hoch ist. Das trifft vor allem auf die produzierenden Sektoren zu. Anders ist es selbstverständlich etwa in der Gastronomie, wo Verlagerungseffekte für den Mangel an Bewerbern hauptursächlich sind. Eine sich normalisierende Nachfrage könnte daher theoretisch auch etwas Druck aus dem Stellenmarkt nehmen. Denn reduziert sich das Auftragsvolumen, so reduziert sich auch der Bedarf an Mitarbeitern. Für die Betriebe sind weniger Aufträge aber nicht wünschenswert.
Strukturell ist der Nachwuchs das längerfristige Hauptproblem für den Arbeitsmarkt. Die Pensionierungswelle der Baby-Boomer-Generation steht unmittelbar bevor. Jene zwischen 1962 und 1969 geborenen Menschen haben in den letzten Jahrzehnten bis heute das Rückgrat des Arbeitsmarktes dargestellte. Es ist jene Generation mit der höchsten Kaufkraft sowie mit dem höchsten betrieblichen Know-how und dem höchsten Anteil am Steueraufkommen. Der Anteil der über 50-Jährigen bei den unselbstständig Beschäftigten hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt, während jener der unter 25-Jährigen stark rückläufig ist. Der steirische WKPräsident Josef Herk ist daher nur einer von vielen in der Wirtschaft, die die dringende Anhebung des Pensionsalters fordern. Aktuell gehen Männer faktisch mit 61,8 Jahren und Frauen mit 59,8 Jahren in Pension. Die Anhebung des Pensionsalters ist politisch alles andere als sexy, könnte aber aufgrund der Arbeitsmarktsituation notwendig werden, um die Produktivität zu erhalten. Allein das ist aber keine endgültige Lösung, denn die Probleme verschwinden nicht, sondern verschieben sich nur um einige Jahre. Spätestens in 20 bis 30 Jahren könnte Österreich wesentlich weniger erwerbstätige Menschen haben. Bis 2050 soll laut Statistik Austria die Zahl der Erwerbstätigen im Vergleich zu 2020 in der Steiermark um 6,6 Prozent und in Kärnten sogar um 13,7 Prozent zurückgehen. Unterm Strich bedeutet dies nicht nur, dass in Zukunft weniger Erwerbstätige für eine steigende Anzahl von Pensionistinnen und Pensionisten aufkommen müssen, sondern auch dass die Steuer- und Abgabenlast immer mehr auf jüngere Generationen verteilt wird, die demnach ein immer höheres Steueraufkommen pro Kopf stemmen müssen. Zuwanderung wirkt sich je nach Szenario-Modell stabilisierend aus, kann aber den Trend längerfristig nicht stoppen.

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Foto: iStock.com/RainStar

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